Medien : Ein Playboy namens Erich

ZDF-Doku erzählt viel Privates über den früheren DDR-Staatschef

Michael Burucker

Wie Wählen funktioniert, hat Erich Honecker einer Erstwählerin einmal so erklärt: „Mach’s wie ich. Du kriegst den Wahlzettel, schaust ihn dir an und stopfst ihn da rein. Fertig ist die Sache!“ So einfach war Politik im real existierenden Sozialismus. Oder war Erich Honecker nur so einfach?

Honecker, der simple, bodenständige Staats- und Parteichef der DDR – das ist der Grundton der Dokumentation „Goodbye Erich“, die am Dienstag im ZDF läuft. Eine filmische Biografie Honeckers sollte es werden, „ein faires Psychogramm, das dem Menschen Honecker gerecht wird“, sagt Peter Hartl, der zusammen mit Thomas Schuhbauer den Film machte.

Es wurde außerdem eine Ansammlung grotesker Anekdoten, erzählt von prominenten Zeitzeugen. Zum Beispiel erinnert sich die Schauspielerin Katrin Saß, dass, wenn der Staatschef im Anmarsch war, nicht nur bröckelnde Fassaden übertüncht, sondern auch Betrunkene eingesammelt wurden. Bei Helmut Schmidts DDR-Besuch im Jahr 1981 war sogar eine komplette Dorfbevölkerung gegen 6000 Stasi-Statisten ausgetauscht worden. Schmidts Mitreisender Klaus Bölling berichtet, dass Honecker die Erich-Rufe der Statisten offenbar für echte Volksbegeisterung gehalten habe – so fern war er da offenbar schon von der Realität.

Zu Wort kommen außerdem die üblichen Verdächtigen: Wolf Biermann, der Honeckers Herrschaft eine „Hölle“ und ein „systematisches Verstümmeln eines Volkes“ nennt. Und natürlich Günter Schabowski, der glaubwürdigste Konvertit aus dem inneren Zirkel des Regimes, der kühl den DDR-Machtapparat seziert.

Viel Raum widmet der Film Honeckers Vergangenheit als Widerstandskämpfer und Gestapo-Häftling. Die lange Haft habe er ertragen mit der Disziplin und Härte eines Funktionärs, der weiß, dass seine Stunde noch kommen wird – das versucht der Film, anhand von Briefen zu belegen. „Wie ein Engel“ sei der gelernte Dachdecker bei ihr nach der Haft erschienen, sagt eine ehemalige Nachbarin, und habe „freundlich und geschickt“ das zerbombte Dach repariert. Am Ende seiner Herrschaft, sagt sie bedauernd, habe er aber niemandem mehr zugehört.

Klaus Bölling charakterisiert ihn so: Anfangs noch sei er ein „ehrlicher, undogmatischer Kommunist gewesen“, der 1945 Mitarbeiter der damals immerhin strammen Stalinisten war. „Nichts Menschliches war uns fremd", erzählt der Mitstreiter beim Aufbau der FDJ und letzte Verteidigungsminister Heinz Keßler im Hinblick auf Honeckers Liebes-Abenteuer. Ein Ex-Berater berichtet schmunzelnd, er habe eigens einen Angestellten zur Abwicklung seiner Alimente beschäftigt. War Honecker am Ende ein leninistischer Playboy?

Wenigstens einen ironischen Kommentar hätte man sich da gewünscht. Aber die jungen Autoren, die aus dem Westen stammen, wollen vor dem ostdeutschen Publikum offenbar nicht als Besser-Wessis gelten, jedenfalls scheuen sie das scharfzüngigeUrteil. Sie beschreiben Honecker als kontaktarm und von der Basis weit entfernt. Doch die Facetten seiner Person setzten sich nur schwer zu einem plausiblen Bild zusammen. So wird sich jeder seinen Honecker heraussuchen. Und ist nicht schon der Titel „Goodbye Erich“ zu freundlich, diese Anlehnung an den Spielfilm „Good bye, Lenin“? Mit dem teilt die Dokumentation den anekdotischen Versuch der Vergangenheitsbewältigung. Aber ist so ein Ansatz wirklich angemessen für jemanden, der einem Unrechtsregime vorstand? Die, die unter ihm gelitten, in den Zuchthäusern die eigene Ohnmacht gespürt haben, werden für die Darstellung von Honeckers sympathischen Zügen kaum empfänglich sein.

Als er 1993 als kranker, aber unbestrafter Mann das Land verließ, ein über die Undankbarkeit der Welt verstimmter Greis, atmeten viele auf. Nicht „Goodbye Erich“ rief man ihm nach, sondern: „Nie wieder ein Honecker.“

„Goodbye Erich“: 20 Uhr 15, ZDF

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