Medien : Ein schönes Dinner wird zermanscht

Vox hat ein Kleinod im Programm. Der Sender versteht es nicht und beginnt, seinen Zauber zu zerstören

Bernd Gäbler

Der „Kochen-Wohnen-Reisen“-Sender Vox gilt als Spitzenreiter der zweiten Liga. Der forsche Bruzzler Tim Mälzer hat erfolgreich die Haute Cuisine proletarisiert. Die von Enie van de Meiklokjes in die Wohnungen bugsierte Handwerker-Crew zaubert verlässlich fassungslose Freude in die Gesichter der vom Renovierungselan überraschten Bewohner, und Fernreisen sind ohnehin schön anzuschauen. Zu einem überraschenden Quotenknüller aber wurde der von der Firma Granada geradlinig vom britischen Vorbild übernommene zivilisierte Kochwettbewerb „Das perfekte Dinner“. Wenn fünf ausgesuchte Teilnehmer aus einer Stadt sich eine Woche lang Abend für Abend wechselseitig einladen und mit ambitionierter Kochkunst und hübscher Tischdekoration bemüht sind, als freundliche Gastgeber ein „perfektes“ Dinner zu Wege zu bringen und sich hinterher wechselseitig benoten, schauen schon mal 1,8 Millionen Zuschauer amüsiert zu.

Von heute an soll das Erfolgsformat (mit Markanteilen bis zu 16 Prozent in der jungen Zielgruppe) zweimal in der Form einer fünfteiligen „Promi-Staffel“ ausgestrahlt werden. Zu befürchten ist, dass das stets zu seiner eigenen Inflationierung bereite Fernsehen wieder einmal ein Kleinod erdrückt, weil die Macher gar nicht verstanden haben, worin dessen Reiz besteht.

In der medialen Erlebnisgesellschaft bedeutet Prominenz das Gegenteil von Renomee. Daran haben wir uns gewöhnt. Die Kurzform „Promi“ ist besonders beim Fernsehen beliebt und bedeutet, dass man nicht einmal bekannt sein muss. Wenn „Promi“-Biathlon, „Promi“-Minigolf oder „Promi“-Grillen angesagt ist, wird man auf Menschen treffen wie Guido Cantz oder Janine Kuntze, die mit eher begrenztem Talent kleine Plätze auf dem Lustigkeitsmarkt besetzen. Beim „Promi-Dinner“ sind Bernhard Brink, Andrea Kiewel oder Miriam Pielhau mit von der Partie. Die muss man nicht kennen.

Das Interessante am „perfekten Dinner“ in Normalversion ist selbstverständlich nicht das Kochen. Die ausufernden Anstrengungen der oft überambitionierten Amateure werden dezent ironisch dargeboten. Aber der gewährte Einblick in Küche und Wohnung, in die Eigenheiten des Kandidaten bei der Wahl der Gerichte und Weine oder beim komplexen Herrichten des Ess-Tischs – das ist nicht allein spielerischer Voyeurismus, sondern unfreiwillig beste Soziologie im Sinne Pierre Bourdieus.

Es geht um die Distinktionsmerkmale. Sind die romantischen Rosengestecke der Hotelkaufrau nicht arg übertrieben? Kein Wunder, dass die in einem riesigen Schloss lebende „Event-Managerin“ (verdient man da so gut?) drei Tässchen mit Schaum von selbstgepflückten Kräutern zur Vorspeise reicht. Guck an, dieser spröde Uni-Dozent hat sich da aber einen hübschen Weinvorrat angelegt! Ob er den wohl herausrücken wird? Den Home-Trainer benutzt der Mann jedenfalls nie! Dieser schicke, junge Glatzköpfige ist doch bestimmt schwul: Warum sagen die das nicht? Dass diese junge Mutter da Sonderwünsche hat – okay, aber die mag den Fisch nicht, das Fleisch ist ihr auch nicht recht. Das ist schon sehr pingelig.

Solche nachbarschaftlichen Betrachtungen sind reizvoll, weil die produzierende Firma dankenswerterweise der Versuchung widersteht, eine Knallchargen-Galerie zu casten und das Panorama der menschlichen Besonderheiten nie denunziert. „Das perfekte Dinner“ ist also kein Unterschichtenfernsehen, aber auch kein ehrfürchtiges Schielen von unten nach oben. Die Darbietung ist wohlig eingebettet in vertraute Abläufe. Dazu gehört nicht nur die Bewertung am Schluss des Abends, sondern auch der stets amüsante Versuch der Geladenen, vorab zu enträtseln, was sich hinter Speisekartennamen wie „Castroville Eier“ oder auch „Gundermann Mousse“ wohl verbergen mag.

Beim „perfekten Dinner“ gibt es schon Wettbewerb, aber das Agonale überlagert nicht alles. Auch das ist bei Unterhaltungssendungen selten. Letztlich siegt nicht besonders kunstvolles, teueres, aufwändiges Protzen, sondern zivilisierte Freundlichkeit am symbolischen Ort abendländischer Toleranz und Verbindlichkeit – dem gemeinsamen Mahl.

Versteht Vox wenigstens in etwa, warum also eine so „normale“ Sendung plötzlich so überdurchschnittlich beliebt wurde?

Vermutlich nicht. Wie käme man sonst darauf, nun unbedingt bei Ben (das ist ein Sänger) oder Ines Krüger (das ist eine ehemalige Boulevard-Moderatorin) in die Töpfe schauen zu wollen – damit also genau jenem B-Movietum zu huldigen, von dessen Abwesenheit das tatsächlich eben nie wirklich perfekte Dinner so sehr lebt.

„Das perfekte Promi-Dinner“, Vox, Montag bis Freitag, 19 Uhr

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