Medien : Ein Sender macht Stress

Al Dschasira bringt arabische Regierungen gegen sich auf

Ulrike Koltermann

Im Westen ist der arabische TV-Sender Al Dschasira (Die Insel) vor allem dafür bekannt, dass er exklusiv Botschaften des Terroristen-Anführers Osama bin Laden ausgestrahlt hat. In arabischen Ländern, in denen die Medien größtenteils staatlich kontrolliert sind, gilt El Dschasira als Insel der Meinungsfreiheit - zum Ärger mancher Regierung. Deren Zorn richtet sich auch gegen das Emirat Katar, wo der Sender seinen Sitz hat. Am Wochenende boykottierten gleich vier Staatsoberhäupter das Treffen des Golf-Kooperationsrates (GCC) in der katarischen Hauptstadt Doha.

In den vergangenen Monaten häuften sich die Spannungen zwischen einzelnen Regierungen und dem Sender, der 1996 vom reformfreudigen Scheich von Katar, Hamad bin Chalifa el Thani, gegründet wurde. So wurde Al Dschasira nach einem Bericht über eine antiamerikanische Demonstration in Bahrain im Mai die Dreherlaubnis in dem Golfstaat entzogen. Saudi-Arabien beschwerte sich, dass der Sender die königliche Familie in seinem Programm verunglimpft hatte, und zog seinen Botschafter aus Katar ab.

Rechtzeitig zu Beginn des GCC-Treffens in Katar veröffentlichte die Kairoer Zeitung „Egyptian Mail“ die Leidensgeschichte der ehemaligen El-Dschasira-Reporterin Kawthar el Baschrawi. Die dort berichteten Fakten weisen eher auf einen Redaktions-Clinch als auf die in der Überschrift angekündigten Menschenrechtsverletzungen bei dem Sender hin. Nach Einschätzung von Beobachtern ist eine solche Geschichte ein typischer Ausdruck für das angespannte Verhältnis zwischen Ägypten und der Nachrichtenstation, die sich mittlerweile den Ruf eines „arabischen CNN“ erworben hat.

Der 24-Stunden-Kanal ist aus dem öffentlichen Leben in der arabischen Welt kaum mehr wegzudenken. Während des Afghanistan-Kriegs wechselten sich amerikanische Spitzenpolitiker wie Außenminister Colin Powell, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor den Kameras ab. Für sie war es eine einmalige Gelegenheit, einem traditionell Amerika-skeptischen Publikum die Politik der US-Regierung nahe zu bringen.

Al Dschasira will seine Fühler künftig noch weiter in den nicht-arabischen Raum ausstrecken. Derzeit werde an einer englischen Ausgabe des Programms gearbeitet, berichtete die Londoner Zeitung „The Times“. „Eine solche englischsprachige Sendung könnte eine gewichtige Stimme in dem Propagandakrieg sein, der schon entbrennt, bevor der Konflikt im Irak überhaupt angefangen hat“, schrieb das Blatt.

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