Medien : Eine altmodische Karriere

Harald Juhnke und Peter Frankenfeld sind die Vorbilder der neuen ARD-Showhoffnung: Sebastian Deyle

Hannah Pilarczyk

Diese einladende Armbewegung sieht man immer wieder bei Sebastian Deyle. Auch jetzt, im Studio für seine neue Abendshow in der ARD „Für dich tu ich alles“. Deyle sitzt dort in grauem Anzug und blau schimmernder Krawatte auf einem weißen Sofa und holt sich mit dem rechten Arm die Zuschauer heran. Mit derselben Geste könnte man auch ein Büffet eröffnen oder für einen Foxtrott aufs Parkett einladen. „Ich bin gern altmodisch“, sagt Deyle. Bei jemandem, der 26 Jahre alt ist, der drei Jahre lang in der ARD-Soap „Marienhof“ mitspielte und bei Sat1 eine Quizshow moderierte, bei der ehemalige „Big-Brother“-Stars unter dröhnendem Tusch und grellem Lichtgewitter mit ihrem Sessel im Boden versanken, wenn sie eine Frage nicht beantworten konnten, klingt das eher unglaubwürdig. Aber im Gespräch löst sich der Widerspruch auf. Da kann Deyle erklären, warum er Harald Juhnke verehrt und trotzdem gern „Quizfire“ gemacht hat. Und wahrscheinlich ist es genau diese Fähigkeit, nämlich Gegensätzliches so leicht zu verbinden, die Sebastian Deyles Aufstieg zur großen ARD-Showhoffnung begründet hat.

„Ich habe bei allen Sachen, die ich je gemacht habe, unheimlich viel gelernt“, erzählt Deyle. Zum Beispiel „Marienhof“. Durch einen Gastauftritt 1998 bei der RTL-Soap „Unter uns“ wurden die Macher der ARD-Vorabendserie auf den Stuttgarter Abiturienten aufmerksam und gaben ihm eine Hauptrolle. Drei Jahre lang spielte er den Einzelhandelskaufmann „Nik Schubert“. „Wir drehten über zwanzig Einstellungen am Tag. In einer Szene musste ich unter Tränen zusammenbrechen, in der nächsten heiraten. Eine verdammt gute Schule.“

Zum Beispiel „Quizfire“. Nach dem Ausstieg aus „Marienhof“ moderierte Deyle zwei Jahre lang die tägliche Quizshow bei Sat1. „In der Zeit habe ich viel Menschenkenntnis erworben. Bei wem kann ich wann welchen Scherz machen?“ Deyle stand dort inmitten von B-Prominenten aus diversen „Popstars“- und „Big-Brother“-Staffeln und stellte ihnen Fragen wie „Welches Instrument nimmt der Arzt zum Brust abhören?“ Die Sendung war unterirdisch, doch Deyle moderierte sie mit so großer Ernsthaftigkeit und sah dabei so blendend aus, dass er dem Ganzen tatsächlich ein wenig Glanz verleihen konnte. Diese unbedingte Professionalität, diese Bereitschaft, bei einfach allem 150 Prozent zu geben, das ist sein Erfolgsgeheimnis.

Sebastian Deyle nimmt alles ernst. Seine Biografie kennt keine Fehlgriffe – nur Herausforderungen. Auch große Gesten, wie der ausholende Arm, sind ihm nicht zu groß. Er hat das Pathos, das es für den ganz großen Auftritt bedarf. Die ARD bemerkte das als Erste und hob ihren ehemaligen Soap-Star kurzerhand ins Abendprogramm.

„Freudige Erwartung“, so beschreibt Deyle seine Gefühle vor dem Start seiner Show „Für dich tu ich alles“ heute Abend. Überraschungskandidaten müssen speziell auf sie zugeschnittene Aufgaben lösen, um ihren Liebsten einen großen Wunsch zu erfüllen. Wer Höhenangst hat, muss sich zum Beispiel als Seiltänzer beweisen, damit der Partner den Lieblingsstar treffen kann. „Das wird eine Show voller Emotionen, mit viel Freude – aber auch Schadenfreude“, erzählt Deyle von den Dreharbeiten. Sechs Folgen sind vorproduziert. Wenn die Show bei den Zuschauern ankommt, wird nach der sechsten Sendung am 4. Oktober sofort weiter gedreht.

Obwohl „Für dich tu ich alles“ seine große Bewährungsprobe ist, erlebte Deyle sein persönliches Highlight dieses Berufsjahres schon im Frühsommer. Da präsentierte er zum ersten Mal „Immer wieder sonntags“, eine Vormittagsgala für ältere Zuschauer. Die Show hatte jahrelang Max Schautzer präsentiert. Als Teil der Verjüngungswelle der ARD, die schon Jörg Pilawa und Florian Silberstein nach vorn spülte, wurde er aber durch Deyle ersetzt – und nahm das alles andere als sportlich. „So geht man in der Branche nicht miteinander um“, empörte sich Max Schautzer damals und meinte damit in erster Linie die Verantwortlichen und den „Jugendwahn“ des Senders, der ihm die Demission recht kurzfristig mitgeteilt hatte.

Schautzers Nachfolger Sebastian Deyle ließ sich davon nicht beeinflussen und eröffnete die Show, als hätte er nie etwas anderes gemacht: in Abendgarderobe, eine Showtreppe herabschreitend und unter Begleitung einer Big Band das Titellied singend. „Ein kleiner Lebenstraum ging für mich in Erfüllung“, sagt Deyle ruhig. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt er Klavier, komponiert und textet selber. Zwar will er sich in nächster Zeit aufs Moderieren konzentrieren, aber dabei weiter mit Musik arbeiten. „Männer wie Harald Juhnke oder Peter Frankenfeld sind meine Vorbilder. Die haben ihre Showeinlagen nahtlos in die Sendungen eingebaut.“

Im Jahr 2000 nahm Deyle bereits ein Pop-Album auf. „Songs from the night before“ hieß es und fiel weder durch aufregende Musik noch nennenswerten Erfolg auf. Aber dass das bei Deyle in keinem Widerspruch zum großen Big-Band-Auftritt steht, weiß man ja jetzt. Und kann es auch ein bisschen verstehen. Auf dem Cover seiner Single „My Day“ ist Deyle übrigens in schwarzem Anzug und weißem Hemd zu sehen. Die Arme hat er weit von sich gestreckt.

Für dich tu ich alles, ARD, 20 Uhr 30

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