Medien : Eine deutsche Hölle auf Erden

„Die Gestapo“ erzählt von Staatswillkür und von Polizisten, die am Holocaust mitschuldig wurden

Thomas Gehringer

Am Ende sieht man den toten Heinrich Himmler. Er hat sich seiner Verantwortung vor einem irdischen Gericht mit Giftkapseln entzogen. Die BBC-Aufnahme berührt unangenehm, nicht nur weil man einem Toten ins Gesicht blickt. Beinahe friedlich liegt er da, der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei. Ist das wahr, ist dieser Massenmörder sanft entschlummert? Und: Welche Strafe hätte so einer verdient?

Zu Himmlers Terrorimperium gehörte die Geheime Staatspolizei. Dreimal 52 Minuten erläutert Wolfgang Schön in der Dokumentationsreihe „Die Gestapo“, wie sich dieses wichtige Instrument zur Machtsicherung im deutschen Führerstaat entwickelte. Am 26. April 1933 als politische Polizei für Preußen gegründet, verfolgt sie die Gegner der Nationalsozialisten, ist sie verantwortlich für das Morden der Einsatzgruppen nach dem Überfall auf Polen, organisiert sie vielfach die Jagd auf die Juden, betreibt Arbeitserziehungslager für Zwangsarbeiter und darf in den letzten Kriegsmonaten „Sonderbehandlungen“ anordnen, also ohne Gerichtsverfahren hinrichten. Und davon macht sie bis in die letzten Kriegstage Gebrauch. „Gestapo“, das war ein Wort des Schreckens. In der noch heute zu spürenden Furcht der Zeitzeugen über die Gestapo-Zentralen als „Hölle auf Erden“, in ihren Erzählungen über Verhaftungen und Verhöre, hallt dieser Schrecken wider. Es genügte, Jazzmusik zu hören, um gefoltert zu werden.

Schön erzählt in seinen Filmen kenntnisreich und chronologisch, zeigt selten gesehene Originalbilder und ist zu zahlreichen Schauplätzen gereist, um alten Fotos einen Bezug zur Gegenwart zu verschaffen. Zuweilen sieht es allerdings so aus, als ob heutige Aufnahmen für historische Bilder ausgegeben würden. Auch sind die dürftigen szenischen Rekonstruktionen weitgehend nichtssagend und ebenso überflüssig wie die immer mal wieder drohend oder gar zu einem Trommelwirbel anschwellende Musik. Weniger ist bei einem solchen Thema mehr, in jeder Beziehung: Archivbilder von ärztlichen Untersuchungen nackter Juden sind noch heute entwürdigend. Und wenn vom Frankfurter Gestapo-Chef berichtet wird, er habe sich gebrüstet, 387 Frauen vernichtet zu haben, ist das erschreckend genug. Der Kommentar aus dem Off („ein Gestapo-Beamter, der zulangt“) ist missverständlich und deplatziert.

Von Bedeutung ist dieser Dreiteiler jedoch vor allem, weil er ein gerne unbeachtet gelassenes Thema aufgreift: die Beteiligung von Polizisten am Holocaust. Wolfgang Schön schildert Biografien von Opfern und Tätern, verfolgt die Karrieren einzelner Gestapo-Größen wie Kurt Lischka, der in Köln und Paris Tausende in den Tod schickte und erst in den sechziger Jahren zur Rechenschaft gezogen wurde.

Das brave Leitbild vom Freund und Helfer hatte unter Hitler längst ausgedient, der Nazi-Staat verstand spätestens mit Beginn des Krieges auch den ehemaligen Schutzpolizisten als Polizei-Soldaten. Schupos wurden an die Front, aber auch zur Gestapo und zu den Einsatzgruppen beordert. „Es liegt mir wenig, wehrlose Menschen, auch wenn es nur Juden sind, zu erschießen. Lieber ist mir der offene Kampf“, schreibt ein anonymer Polizist in die Heimat – und fügt an: „Gute Nacht, liebes Hasi!“

Beispielhaft für die Verstrickung einfacher Polizisten in den Völkermord nennt Wolfgang Schön den fränkischen Beamten Oswald Gundelach, der einen Deportationszug nach Polen begleitete. Nach dem Krieg wurde er wegen der Beteiligung an der Gestapo-Jagd auf abgeschossene Bomberpiloten zum Tode verurteilt, begnadigt, 1954 wieder in den Polizeidienst eingestellt, befördert und 1963 vom Freistaat Bayern pensioniert, mit „Dank und Anerkennung für 40 Dienstjahre“. Inklusive der Jahre bei der Gestapo, versteht sich.

„Die Gestapo – Die deutsche Polizei im Weltanschauungskrieg“, Arte, Mittwoch, 20 Uhr 45, weitere Folgen am 1. und am 8. Dezember

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