Medien : Eine Frau sieht fern

Barbara Sichtermann war die TV-Kritikerin der „Zeit“. Jetzt guckt sie nur noch, was ihr gefällt

Carla Woter

Da liest sie plötzlich ihren eigenen Nachruf. Kollegen flechten Trauerkränze. Früher hieß so was: Ende einer Ära. Und das war es auch. Das Ende einer Ära.

15 Jahre hat Barbara Sichtermann für die „Zeit“ ferngeguckt. Das Erbe von Walter Jens angetreten, der dem Fernsehen den Weg ins Feuilleton verschafft hat. Geguckt hat sie fast alles. Jedes Genre bekam seine Chance – ob Krimi, Talkshow, Spielfilm, Serie oder Dokumentation. „Eigene Vorlieben spielten nie eine Rolle.“ Professionalisierung des Guckens, nennt die 59-Jährige das. Die Sendungen hat sie selbst ausgesucht. Es gab nur eine Vorgabe: Alles muss irgendwann mal vorkommen.

Sichtermann hatte jede Woche ihren festen Platz. Der Abschied von der Kolumne kam in Raten. Ressortwechsel. Platzmangel. Schrumpfkritik. Im Herbst dann das endgültige Aus. Chefredakteur Michael Naumann schreibt ihr einen Brief, dankt – leicht ungenau – für mehr als 20 Jahre „Begleitung des Mediums“. Seine Begründung: Medienberichterstattung braucht keinen eigenen Platz im Blatt. Wenn über Medien geschrieben wird, dann im Wirtschaftsteil, doch da passt Sichtermanns Kolumne nicht hin.

Natürlich ist Barbara Sichtermann enttäuscht. Die „Zeit“ ist ihr intellektuelles Zuhause gewesen. Die Qualität der Geborgenheit im Ritual, das gilt nicht nur für Leser, auch für Schreiber.

Fernsehen schaut die leidenschaftliche Kinogängerin immer noch „super gern“, sagt sie, halt nur nicht so oft. Und andere Sendungen. „Das sind zwei Paar Schuhe, was ich zu meiner Unterhaltung schaue oder professionell medienkritisch betrachte.“ Sie ist kein Mensch, der vor der Glotze abhängt. Wenn geguckt wird, dann mit Verstand. Die Autorin liebt Porträts, so wie jenes im „ZDF-Nachtstudio“ über Kafka, sie mag Tierfilme und Dokumentationen, wie jüngst jene über Machtkämpfe zwischen Papsttum und Inquisition. Was sie hasst, sind Volksmusiksendungen. Da redet sich Frau Sichtermann regelrecht in Rage. „Fernsehen hat einen Bildungsauftrag. Die Sender bekommen schließlich Gebühren. So etwas Falsches und Verlogenes. Auch das einfache Volk hat Besseres verdient!“

Die Autorin sitzt seit mehr als einem Jahrzehnt in der Jury für den Adolf Grimme Preis, eine der begehrtesten Auszeichnungen der deutschen Fernsehlandschaft, und bald taucht sie wieder fünf Tage ab, schaut acht Stunden am Tag fern und kämpft für ihre Meinung. Die beliebten Treffen zwischen Regisseuren, Autoren und Produzenten, die zur Meinungsfindung beitragen, meidet sie. Unabhängigkeit geht ihr über alles. Eine Kolumne hat die Journalistin zurzeit nicht. Das ist befreiend, der Druck ist weg. Das Geld allerdings auch, daraus macht sie keinen Hehl.

Schließlich ist die Journalistin alleinerziehende Mutter von drei Kindern, im Alter von 14, 19 und 24 Jahren. Der älteste ist ihr leiblicher Sohn, die beiden anderen hat sie adoptiert. Keine Klagen darüber – wie schwierig das alles war oder wie wertvoll. Nein, sie wollte es, also machte sie es. Mit Vorträgen, Radiosendungen, Büchern und später auch der Kolumne bringt sie die Familie durch. Ihr Mann Peter Brückner – ein legendärer Apo- Professor und eines der prominentesten Opfer des Radikalenerlasses – stirbt, als Sohn Simon vier Jahre alt ist. Angst vor Verantwortung hatte sie nie. Ihr jüngstes Buch heißt „Frühlingserwachen – Pubertät. Wie Sex und Erotik alles verändern“. Gewidmet ihren Kindern. „Eine Elegie über die Unvermeidbarkeit des Schmerzes“, so hat sie es mal beschrieben. Sie spricht, wie sie schreibt.

Eine Altbauwohnung in Moabit. Hier lebt und arbeitet Barbara Sichtermann. Ein gespenstisches Treppenhaus, die Haustür offen. Die Familie lebt in einer Art kreativem Chaos. Ihr Arbeitszimmer hat etwas Post-Studentisches. Regale, Bücher, nicht besonders liebevoll komponiert. Keine inszenierte Arbeitswelt. Die Schriftstellerin, die demnächst ein Buch über die deutsche Lyrik herausgibt, liebt das Alleinsein. „Ich bin geboren für den Schreibtisch.“ Lesungen sind ihr fast unangenehm. Sich anschauen lassen. Das mag sie nicht. „Es geht doch um die Texte“.

In ihrem „vorigen Leben – dem vor der Studentenbewegung“ – war sie kurze Zeit Schauspielerin. Erste Rolle: eine Märchen-Prinzessin. Das war 1968 nicht unbedingt die Erfüllung für einen jungen Menschen „auf der Suche nach Leben und Erkenntnis“. Das Leben findet woanders statt, merkt sie. In Berlin. „Die Stadt hat mich fasziniert, vielleicht weil ich in Ruinen aufgewachsen bin.“ Sie studiert Volkswirtschaft. Berufsziel? Sie reagiert mit diesem für sie so typischen Jungmädchen-Lächeln. „Darum ging es nicht. Wir wollten doch die Welt verändern.“ Sie erzählt. Die Apo-Zeit, ihre goldenen Jahre. Ihr Mann, der Sozialpsychologe Brückner, war 21 Jahre älter als sie. „Wir waren ein leidenschaftliches Paar, der Altersunterschied war egal.“ 21 Jahre älter oder 21 Jahre jünger – völlig unwichtig.

Der „Zeit“-Ära hat sie bei allem Ärger auch eine zauberhafte Liebesgeschichte zu verdanken. Angefangen hat es mit einem Leserbrief. Ein Mann schreibt, er lese so gern ihre Kritiken. Der Mann schreibt weiter, einen Fernseher besitze er nicht. Ihre Texte seien so schön.

Die Gepriesene kann den Brief nicht wegschmeißen. Trägt ihn mit sich herum, nimmt ihn mit in die Ferien – eines Tages antwortet sie. Der Rest ist privat. Fünf Jahre her, aber immer noch schön. Der Mann ist 21 Jahre jünger, ein ewiger Student, auch das sagt sie. Wie sie überhaupt alles sagt. Sehr offen, sehr ehrlich. Die beiden haben zusammen ein Berlin-Buch geschrieben. Titel: „Lebenskunst in Berlin“. Eigentlich ein Stoff für ein Drehbuch.

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