Medien : „Eine Jahrhundert-Chance“

Die ARD sieht die Bundesliga schon in der „Sportschau“

Joachim Huber

Die Chancen für ein Comeback der Fußball-Bundesliga in der ARD-„Sportschau“ sind stark gestiegen. „Der Rechteinhaber Infront AG hat der ARD ein Angebot unterbreitet, das gute Voraussetzungen für einen Abschluss bietet“, sagte der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Jobst Plog am Dienstag. Plog stützte sich dabei auf einen Beschluss der ARD-Intendanten, die für Abschlussverhandlungen votiert hatten. Klar sei, sagte Plog, dass die ARD deutlich weniger für die Rechte bezahlen werde als der bisherige Lizenznehmer, der Privatsender Sat 1. Der Sender zahlte für die letzte Saison rund 80 Millionen Euro. Das ARD-Angebot wird in Branchenkreisen auf 65 Millionen Euro für eine Saison geschätzt, vier Spielzeiten bis 2007 soll der Vertrag laufen. Die Live-Rechte liegen beim Abo-Sender Premiere.

Der ARD-Vorsitzende ist zuversichtlich, dass die Verhandlungen vor dem Saisonstart der Bundesliga am 2. August abgeschlossen werden. „Die Botschaft für alle Fußball-Fans nach dem De-facto-Rückzug von Sat 1 lautet: Die Bundesliga wird nicht im Pay-TV verschwinden, sondern mit großer Sicherheit im frei empfangbaren Fernsehen bleiben“, sagte Plog. Nicht ausgeschlossen ist ein Abschluss noch in dieser Woche.

Das Interesse der ARD richtet sich auf die Zusammenfassung der Samstagsspiele ein Noch offen ist nach Plogs Angaben, ob sich das ZDF die Sonntagsspiele sichern und damit den Konkurrenten Deutsches Sportfernsehen ausstechen werde. Weil die ARD aus politischen Gründen und für die Perspektive des gemeinsamen Erwerbs der Fernsehrechte an der Fußball-WM 2006 unbedingt mit dem ZDF zusammenarbeiten will, sollen zwei Partien am Sonntagnachmittag angepfiffen und anschließend in der „Sport-Reportage“ des Zweiten übertragen werden. Da der DFB den Sonntagnachmittag für den Amateur-Fußball retten will, müsste das ZDF auch bereit sein, einem Anstoß um 16 Uhr 30 statt um 15 Uhr 30 zuzustimmen. ZDF-Sprecher Walter Kehr sagte dem Tagesspiegel, der Sender warte „jetzt auf ein konkretes Angebot von Infront zu einem sehr guten Preis“. Chefredakteur Nikolaus Brender meinte, „ein Fußball-Schwerpunkt von 17 Uhr 30 bis 19 Uhr wäre für uns ein sehr schöner Sportnachmittag am Sonntag.“ Das ZDF will dann auch mehr über die zweite Liga berichten.

Die ARD-„Sportschau“ soll um 18 Uhr 10 starten und bis 19 Uhr 45 dauern. Zur (vermeintlichen) Steigerung der Attraktivität plant die ARD, während der Begegnungen Schiedsrichter und Spieler mit Richt-Mikrofonen zu belauschen.

Sollte die ARD die Bundesligarechte erwerben, wird sich das Rechte-Roulette weiterdrehen. Plog sagte, die ARD sei grundsätzlich bereit, „andere Fußballrechte abzugeben. Welche Rechte dies sein könnten, werden Gespräche ergeben.“ Die Spekulationen laufen darauf hinaus, dass der DFB-Pokal und/oder auch der Uefa-Pokal ganz oder teilweise zu RTL wandern würde. Allerdings besteht das Problem, dass das ZDF sich die Pokal- und die Uefa-Cup-Rechte mit der ARD teilt und jeder Weitergabe zustimmen müsste.

Trotzdem ist es möglich, dass sich die Klub-Wettbewerbe in der neuen Saison wie folgt verteilen: Sat 1 überträgt die Champions League, ARD und ZDF zeigen die Bundesliga, RTL überträgt allein oder gemeinsam mit den Öffentlich-Rechtlichen Pokal und Uefa-Cup. Mit dem Verkauf von Rechten will die ARD die Bundesliga-Lizenzen wenigstens teilweise refinanzieren. Beide, ARD und ZDF, fürchten eine Kampagne der privaten Sender, in der der Erwerb der Rechte mit der geforderten Gebührenerhöhung verknüpft würde. Das Wort von der „Fußball-Steuer“ ist gefallen. Klar ist auch, dass die ARD die künftige „Sportschau“ mit reichlich Werbung – vor 20 Uhr sind 20 Minuten erlaubt – und Sponsoring füllen wird. Nicht zu vergessen: Wenn Reinhold Beckmann die Redaktion leiten oder moderieren sollte, dann kommt der „ran“-Erfinder zum Ersten zurück.

Mit ihrer Reaktion auf das Infront-Angebot stellt die ARD den Rechteinhaber Infront vor harte Fragen. Akzeptiert Infront die Offerte, wird die AG die 290 Millionen Euro bei den Sendern nicht refinanzieren können, die Infront der Liga für eine Saison garantiert. Möglicherweise wird die Agentur bei der Liga um Minderung des Betrages nachfragen oder den Verlust schlucken. Auch Infront weiß, dass außer der ARD kein ernsthafter Nachfrager in Sicht ist. „Es gibt noch keinen fertigen Vertragsentwurf“, warnte ARD-Programmdirektor Günter Struve. Was die Euphorie des ARD-Vorsitzenden nicht bremsen konnte: „Das ist für uns eine Jahrhundert-Chance.“

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