Medien : Eine Kanzlerin und andere Kuriositäten

Barbara Sichtermann

2005! RTL. Es war ein Jahr der großen Katastrophen. Der Fernsehbildschirm aber verkleinert und versöhnt. Er kann auch vergrößern, zum Beispiel wenn er Fußballstars wie Schweini und Poldi zeigt. Ihnen dürfen wir lange ins Gesicht sehen. Tsunami, New Orleans, Flüchtlinge aus Afrika und geknickte Strommasten sind blitzartig abgehakt. Aber bei Michael Ballacks Zukunftsplänen haben wir alle Zeit der Welt. Warum auch sollen wir uns die Schrecken der vergangenen Monate noch einmal antun? Am Advent ist Freude angesagt, und die vielen „Menschen des Jahres“, die auf Günther Jauchs riesige Bühne vor das riesige Publikum treten, bekamen alle was geschenkt. Aber ist das wirklich ein Rückblick? Eher eine gigantische Nikolausparty, auf der vom schlichten Frankfurter Stadtangestellten bis zur Bundeskanzlerin alle mitmachen und Jauch als eine Art überoptimaler Santa Claus für jeden was dabeihat.

Dann wieder erinnerte die Live-Show an jene Darbietungen auf Jahrmärkten, die man Kuriositätenkabinett nannte. Da sieht man eine zwölfjährige Jule, die ihren Vater beim Marathon abgehängt hat. Oder eine Mutter von einem Dutzend Kindern, die mit 55 Jahren ihr dreizehntes bekam. Oder zwei süße Gören, die für ihre Oma einen Mann gesucht haben – per Kartengruß am Luftballon. Das Ding fliegt doch tatsächlich 200 km weit, gerät in die Hände junger Leute, die einen einsamen Opa kennen – und schon ist eine Ehe angebahnt, die geschlossen wurde. Klar, dass die minderjährigen Kuppler samt den Protagonisten der „Liebesgeschichte des Jahres“ auf dem Bühnensofa sitzen. Und dann erst Wilhelmine Schultermandl. Sie war mit ihrem Auto in einen reißenden Fluss gestürzt, nach zwei Stunden von der Feuerwehr gerettet worden, und im Krankenhaus konnte man nicht glauben, dass ihr nichts fehlte. Sie redete den Moderator in Grund und Boden. Der musste zweimal ansetzen, um seinen Standardsatz: „Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören“ loszuwerden, der aber im Klartext heißt: „Nun ist aber Schluss.“

Schluss war für knapp sieben Millionen Zuschauer noch lange nicht, die Show zog sich hin. Der „Lebensretter des Jahres“ musste auch noch auf die Bühne, er heißt Detlev Darbers, ist Rollstuhlfahrer und hat ein Infarktopfer vorm Tode bewahrt. Komischer Höhepunkt war Peter Postleb, der schon erwähnte Frankfurter Stadtangestellte. Er ließ gelbe Plastikstellwände von einem Grünstreifen entfernen und auf den Müll kippen – nicht ahnend, dass es sich um Aktionskunst handelte. Sein Kommentar: „Bei dem Kunstwerk ist mir nichts zum Thema Kunst eingefallen.“

„2005!“ bewies mal wieder, dass Rückschauen immer nur Folien sind, vor denen Wünsche und Ängste erscheinen, die von der Zukunft sprechen. Wie die sein wird, verriet zum Beispiel Herr Ballack: „Der Fußball wird im Mittelpunkt stehen.“ Und auf ihre Art auch Kanzlerin Merkel: „Jetzt isses, wie’s ist, wir gucken nach vorne.“ Hape Kerkeling als Horst Schlämmer guckte nur bis zur nächsten Theke: „Ich trinke gerne einen, weißtu Bescheid, Herr Jauch.“

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