Medien : Eine Megareform

Abbau von 2900 Stellen, Ende der Gebühren – die BBC sucht ihre Zukunft

Matthias Thibaut[london]

„Die BBC ist die stärkste Kraft für das Gute in der Kultur auf der Welt“, eröffnete BBC-„Director General“ Mark Thompson seinen Mitarbeitern vergangene Woche. Doch damit dies auch so bleibt, wird er in einer ersten Tranche 2900 von ihnen entlassen. Wer seine Pläne genau studiert, weiß, dass es dabei nicht bleiben wird. Um 15 Prozent soll der BBC-Apparat mit seinen 27 000 Mitarbeitern abspecken. Der größte Hörfunk- und Fernsehsender der Welt steht vor tief greifenden Umwälzungen. Streiks drohen, innerer Aufruhr und Debatten. Niemand weiß, wohin die Reise geht. Nur, dass sie weniger kosten darf.

Vor Jahresfrist, bevor die BBC wegen ihrer Irakberichterstattung über Nacht die Führung wechseln musste, war Thompson noch Chef des werbefinanzierten TV-Senders Channel 4. Damals sprach er neiderfüllt von den „Jacuzzi- Strömen der BBC“ aus den Rundfunkgebühren. Nun ist es seine Aufgabe als „DG“, diese Massagedusche auf spärlicher zu stellen.

2007 wird, wie alle zehn Jahre, die „Royal Charta“ der BBC erneuert. Aber das Stichdatum, auf das Thompson hinarbeitet, ist 2012. Dann soll die analog-terrestrische Ausstrahlung von Hörfunk und Fernsehen in Großbritannien abgeschaltet werden. Digital Audio Broadcasting und „Freeview“, die britische Version von DVB-T, sind im Vormarsch. In der Digitalwelt, in der sich Dutzende von Sendern tummeln, sei „eine öffentliche Subvention der BBC von fast drei Milliarden Pfund im Jahr unmöglich zu rechtfertigen“, warnte eine einflussreiche Kommission unter Vorsitz von Lord Terry Burns – nur Tage, bevor Thompson seine neue Strategie vorlegte. Ganz ausgeschlossen sei, so der Lord, dass die BBC dann über die Verwendung ihrer Gebührengelder praktisch in Eigenregie bestimme, wie jetzt. Damit hat Burns für 2012 praktisch das Ende der Gebührenfinanzierung in den Kalender geschrieben.

Der gebührenfinanzierte öffentlich- rechtliche Rundfunk, wie es ihn auch noch in Deutschland gibt, ist ein Auslaufmodell. Der Umbruch hat begonnen, und die BBC hat auf Grund ihrer Bedeutung und ihrer Verfassung eine bahnbrechende Rolle dabei. Mit der Charta-Erneuerung 2007 werden die ersten Weichen gestellt. Schon jagen sich die Expertisen – von Think Tanks, der BBC selbst, ihren kommerziellen Konkurrenten, der Medienaufsicht und nicht zuletzt der Regierung.

Sogar das Publikum darf sich äußern. Laut einer von Kulturministerin Tessa Jowell im Juli veröffentlichten Umfrage finden 75 Prozent die BBC gut. Doch eine „signifikante Minderheit“ hat bereits aufgehört, den Sender zu nutzen. Viel wird auch über Wiederholungen, schleichende Kommerzialisierung und als „Verdummung“ empfundenen Populismus gemeckert.

Die Untersuchung spielte beiden Seiten in der Debatte Argumente in die Hand, zeigte aber, dass sich die BBC nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen kann. „Das Publikum erwartet mehr von uns“, sagte Thompson seinen Mitarbeitern. Seine Megareform – mehr „value for money“ – setzt auf weniger Manager und originellere Programme. Es müsse, so Thompson, neue Aufsichtgremien geben und spätestens ab 2012 eine neue Form der Finanzierung. Sonst müssten die Rundfunkgebühren zu einer „Kopfsteuer“ werden, die nicht durchzusetzen ist. Der Sendeauftrag der BBC wird damit enger und präziser.

Nun hat die Debatte begonnen zwischen denen, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach dem Beispiel des amerikanischen National Public Radionur noch eine Nischenfunktion sehen. Und denen, die weiter auf eine starke, von Marktzwängen befreite BBC setzen. Klar, dass zu letzteren auch BBC-Chef Mark Thompson gehört. Einer von Thompsons Vorgängern, John Birt, gab in den Neunzigerjahren schon einmal 55 Millionen Pfund für ein großes Stellenkürzungsprogramm aus. Am Ende war die BBC um weitere 1000 Mitarbeiter angeschwollen.

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