Medien : Eine Million? Oder 20?

Wenige wissen, wie viele Juden in Deutschland leben – Zeit für ein TV-Magazin

Simon Feldmer

Rund um Weihnachten, möchte man meinen, sind die Menschen etwas empfänglicher für Glaubensfragen. Deshalb muss man es auch gut durchdacht nennen, wenn gerade in dieser Zeit ein Fernsehmagazin läuft, das den etwas spröden Titel „Glaubens Trend“ trägt. Wo am vergangenen Montag der frühere „Big Brother“-Moderator Percy Hoven durch eine Sendung für Christen führte, geht es in der zweiten Folge von „Glaubens Trend" heute Abend auf RTL um das jüdische Leben in Deutschland.

Das sieht sich auf den ersten Blick relativ unspektakulär an. Allerdings handelt es sich um eine Premiere: Ein TV-Magazin, das der Frage nachgeht, wie Juden 60 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland leben, gab es nicht. Dem Ideengeber Janusch Kozminski geht es dabei in erster Linie um Aufklärung. „Es wird so viel über Juden in diesem Land gesprochen“, sagt der Münchner Filmproduzent, „letztendlich wissen ganz wenige wirklich Bescheid, worüber sie reden." Hier setzt Kozminski mit seinem Team an. Zusammen mit der Münchner Verlegerin Gina Kehayoff und den Filmemachern Hannah Rheins und Daniel Targownik entwickelte er das Konzept für „Die jüdische Woche TV“, um „möglichst ohne Klischees, Vorurteile und Schuldzuweisungen" das jüdische Leben in Deutschland eingehender zu beleuchten.

Das Interesse an diesem Format hielt sich bei fast allen Fernsehsendern jedoch lange Zeit in Grenzen. Knapp zwei Jahre musste Kozminski nach einem Programmplatz suchen. Zumindest zwei Pilotsendungen hat er nun untergebracht. Dass er mit der Premiere gerade im Superstar-Sender RTL gelandet ist, liegt nicht an RTL selbst, sondern an der Kölner Produktionsfirma AZ Media. Diese sendet als „unabhängiger Dritter“ im privaten Programm am späten Montagabend Formate wie das Schwulen-Magazin „anders Trend“ oder am 19. Januar das erste deutsch-türkische Lifestyle-Magazin mit dem schönen Titel „bosporus Trend“ auf RTL. Und passend zu Weihnachten gerade eben „Glaubens Trend“. Eine weitere Ausgabe von Kozminskis „Die Jüdische Woche TV“ folgt am 23. Januar 2004 auf Vox. Danach entscheidet sich, ob das jüdische Kulturmagazin regelmäßig zu sehen sein wird oder wieder vom Bildschirm verschwindet.

Man kann nur hoffen, dass sich im deutschen Fernsehen eine kleine Nische für „Die jüdische Woche TV“ auftut. Denn auch wenn die erste Folge, präsentiert von der Berliner Moderatorin Shelly Kupferberg, etwas zu sehr nach Pilotsendung aussieht und oftmals im Stil eines Lehrfilms für Kollegstufenschüler daherkommt: Dieser Grundkurs über jüdisches Leben in Deutschland kann jede der gerne beherzt geführten öffentlichen Diskussionen über die viel beschworene „deutsche Normalität“ um einige wissenswerte Fakten und Beispiele bereichern.

Etwa um die Geschichte der Schauspielerin Susan Sideropoulos („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“), die zu Beginn ihres Porträts sagt, dass sie ihr Jüdischsein gar nicht so wichtig nehmen wolle, um es in einer Fernsehsendung zu besprechen – dann aber doch interessante Sätze über das Leben einer jungen Frau und bekennenden Jüdin in Deutschland zu erzählen hat. Lehrreich sind ebenfalls die Einblicke in das Leben eines Kriminalhauptkommissars, der sich als streng gläubiger Jude schon mal, wie er erzählt, dem Vorwurf ausgesetzt sieht, im einstigen Land der Täter Polizist zu sein. Für ihn kein Widerspruch. Schließlich sei die deutsche Polizei, so argumentiert er, vorbildlich demokratisch organisiert - und damit für ihn „ohne Makel“.

Nicht zuletzt führt diese Folge von „Glaubens Trend“ vor Augen, mit welch falschem Zahlenwerk so mancher in diesem Land hantiert. Kozminski fördert die abenteuerlichsten Antworten zu Tage, als er auf der Straße die simple Frage an Passanten richtet, wie viele Juden denn eigentlich in Deutschland lebten: Von einer Million, über zwei bis drei Millionen, bis hin zu 20 Millionen reichen da die Schätzungen. Richtig beklommen macht die Reaktion einer älteren Frau, die sich genervt abwendet, als sie sagt: „Auf jeden Fall weniger als vor 33.“ Wenn man also am Ende dieser Sendung nur mitnehmen sollte, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland seit dem Holocaust wieder auf etwas mehr als 120000 Mitglieder angewachsen ist, wäre schon viel gewonnen.

„Glaubens Trend“: 23 Uhr 15, RTL

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