Medien : „Eine Nacht wie nie zuvor“

ZDF-Moderator Claus Kleber über Barack Obama, Tänze und 3-D-Reporter

Herr Kleber, fast 24 Stunden waren Sie während des US-Wahltags auf den Beinen, haben sich live im Netz mit Nutzern über die Ereignisse ausgetauscht. War es für Sie als langjähriger Reporter eine besondere Nacht?

Ja, so eine Wahlnacht habe ich noch nie erlebt. Als die Sendung Mittwoch um zwölf Uhr deutscher Zeit zu Ende war, bin ich in Washington auf die Straße gegangen. Dort spielten sich Szenen ab, wie bei uns während der Fußball-WM. An die 1000 Menschen tanzten um sechs Uhr morgens amerikanischer Zeit vor dem Weißen Haus, fielen sich in die Arme, sangen George W. Bush ein Abschiedsständchen. Alles war friedlich und freundlich.

Haben Sie mitgetanzt?

Nein, das gehört sich als Reporter nicht. Allerdings konnte man sich gar nicht dagegen wehren, dass die Leute einem die Hände geschüttelt haben oder um den Hals fielen.

Sie selbst haben die Wahl online verfolgt, auch Barack Obama hat in seinem Wahlkampf sehr aufs Internet gesetzt. Welche Rolle hat das Fernsehen in diesem Wahlkampf überhaupt gespielt?

Obamas Sieg ist nicht ohne Internet, aber auch nicht ohne Fernsehen denkbar. Obama ist ein Mann, den die Kameras lieben, der Begabungen hat, die sich per Massenmedien transportieren lassen. Entscheidend dabei ist, dass er die Menschen sowohl in seinen Büchern als auch bei seinen Auftritten einbindet. Die USA haben erlebt, wie sich ihre Gesellschaft teilte, in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, in „Für uns“ und „Gegen uns“. Die Faszination des Gemeinsamen wieder zu entdecken, und damit auch Heilserwartungen zu verbinden, das macht Obamas einmalige Begabung als Politiker aus.

Wie bewerten Sie Obamas Auftritt in den Medien direkt nach seinem Sieg?

Wir haben im Fernsehen gesehen, wie Obama in Chicago vor eine Menschenmenge trat, die ihn anbetete. Aber wie immer hat er dabei nicht das Gefühl vermittelt, diese Stimmung anzuheizen. Sondern er hat mit seiner unglaublich eleganten Art gerade so viel des Jubels akzeptiert, dass man seine Freude gespürt hat.

Obama kennt die Macht der Bilder.

Ich glaube nicht, dass Obama nach einer wissenschaftlich-handwerklichen Methode handelt. Er hat ein natürliches Gespür dafür, das richtige Gefühl zur richtigen Zeit zu wählen. Die Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, sind aber größer, als sie ein Politiker erfüllen kann. Ein bisschen muss Obama in der Wahlnacht auch klar geworden sein, welche Verantwortung er damit übernimmt

Was können sich deutsche Politiker von Obamas Präsenz in den Medien abgucken?

Ich fürchte, dass jetzt die Leute in den deutschen Parteizentralen Obamas Auftritte nach Ereignissen und Werkzeugen durchsuchen, die sie kopieren können – ohne zu verstehen, dass diese Werkzeuge ohne das zentrale Element, nämlich ein Menschenfischer zu sein, kalt und seelenlos wirken.

ARD und ZDF haben eine aufwendige Wahlberichterstattung geboten, nicht nur im Fernsehen, auch im Netz. Beide Sender schickten Reporter und Korrespondenten teilweise an gleiche Orte. Kritiker monieren, das sei Gebührenverschwendung.

Ich glaube, dass unser öffentlich-rechtliches System unglaublich davon profitiert, dass es Konkurrenz hat – sowohl von den Privatsendern als auch untereinander. Wir stacheln uns gegenseitig an mit den Versuchen, das Beste zu machen. Sonst würde unser System auch einschlafen. Die Idee, in so einer Nacht die beiden öffentlich-rechtlichen Sender zusammen zu spannen, halte ich für weltfremd. Vielleicht würde man ein einziges Mal Geld sparen, aber gleich bei der nächsten Gelegenheit käme das teuer zu stehen, denn ein Teil der Dynamik würde verloren gehen.

Die größte Überraschung bot CNN. Der Sender hat Moderatorin Jessica Yellin mit modernster Kameratechnologie als dreidimensional wirkendes Holgramm aus Chicago ins Wahlstudio nach New York gebeamt. So etwas hat es vorher noch nie gegeben. Wird das ZDF Sie künftig auch von Mainz nach Washington beamen?

Sicher nicht. Unser neues Nachrichtenstudio, das ab 2009 zu sehen sein wird, bietet zwar entsprechend technische Möglichkeiten. Aber ich halte das für Humbug. Eine Nachrichtensendung darf niemals versuchen, etwas vorzugaukeln. Wenn bei mir etwas im Studio zu stehen scheint, steht es da auch. Deshalb werden wir die neuen technischen Mittel nutzen, um inhaltliche Dinge zu vermitteln. Und nicht, um David Copperfield zu spielen.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

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