Medien : Eine Welt aus Nacht

Kerstin Decker

Neun tote Kinder. Der Fall Sabine H. 22 Uhr 45 ARD. Vor einem Jahr ging eine Nachricht durchs Land, die verstummen ließ. Neun tote Babies – gefunden in Eimern und Blumenkübeln. Aber gibt es das – ein verstummendes Land in unserem Medienzeitalter? Journalisten kompensierten ihre Sprachlosigkeit durch Vielsprechen. Einer der ersten, der Worte fand, war Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm. Er lief zur Schönbohm-Höchstform auf und benannte die Ursache des grauenhaften Fundes: Es liegt an der verproletarisierten Kultur des Ostens.

Jetzt, ein Jahr später, haben zwei Dokumentarfilmerinnen einen Film über den Fall Sabine H. gemacht. Er hat die richtige Tonlage, nicht sensationsheischend, nicht thesenmacherisch. Vielleicht haben Sabine Tzitschke und Manuela Jödicke darum so viele gefunden, die mit ihnen reden wollten. Sabine H.s Lehrerin, Mitschülerinnen von einst. Und alle scheint es zu drängen, etwas zu sagen. Natürlich, Thesenmacher sind wir alle. Denn nur, was wir erklären können, ist gebannt. Dass diese Sabine H. nicht besonders intelligent ist, schien fraglos zu sein. Wer setzt sich neun ungewollten Schwangerschaften aus, ohne auf das Nächstliegende zu kommen: Verhütung? Und nun hören wir, dass dieses Mädchen Sabine nicht einmal ins Schulbuch schauen musste, um zu wissen, was drin steht. Überdurchschnittlich begabt. Nichts will in ein brauchbares Erklärungsschema passen, nicht einmal das „Proletariermilieu“. Sabine H. kommt aus einem christlichen Elternhaus, in Brandenburg nicht allzu zahlreich.

Im Osten hatte sich Empörung geregt vor einem Jahr. Das Jeder-für-sich – war das nicht für viele das schmerzendste Nachwendephänomen? Und Schönbohms Generalstabslogik schrieb es geradewegs der DDR zu und setzte auf ihr Konto den beispiellosen Fund neun toter Babys. Die Neigung zu den allzu einfachen Erklärungen ist vielleicht die größte Gefahr der Vernunft im Medienzeitalter. Sabine H.: Zu verstehen wäre eine wahnwitzige Spirale aus Einsamkeit und abgründigstem Selbstzerstörungssog einer Frau, die nie erwachsen geworden ist. Wahrscheinlich hat noch niemand Sabine H.s Welt wirklich betreten: neun Entbindungen, allein – das war auch neun mal bewusst gewählte Lebensgefahr. Und dann umgibt sie sich mit ihren toten Kindern, nimmt sie bei jedem Umzug mit. Nur nicht beim letzten. Was für eine Welt aus Nacht, gleich nebenan.

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