Medien : Einheit auf der Mattscheibe: Grübeln streng verboten

Michael Burucker

"Herr, schenke uns Ausbildungsplätze und den Politikern neue Ideen, damit sie ihrer Verantwortung gerecht werden". Ob die Gebete der Jugendlichen des Gottedienstes, mit dem die Feiern zum 10. Jahrestag der Einheit begannen, erhört wurden, wird sich zeigen müssen. Zweifellos leichter zu erhören und zu erfüllen waren da die inständigen Bitten der Politiker an das Volk, die sich in einer einzigen Formel zusammenfassen ließen: "Volk, grüble und streite nicht - Feiere Party!" Der Appell zum Glücklichsein, der sich vom Bundespräsidenten bis zum Chefdenker der FDP hartnäckig durch die einschlägigen Sendungen zog, fiel bald auf die Mahner selbst zurück. Denn während immer häufiger ausgelassen Feiernde ins Bild aus Berlin und Dresden rückten, herrschte auf den Interviewpodien die Grübelei darüber vor, warum die Menschen grübeln würden statt zu feiern. Mehr "Gesang, Lachen und Feuerwerk" wünschte sich etwa Guido Westerwelle auf Phoenix für das Jahr 2020. Sicher, mit abnehmender Entfernung zu den Feierzentren Berlin oder Dresden verblasste der Schein des Glücklichseins. Draußen im Lande sprachen Rentner, Arbeitslose oder "Besserwessis" schon weniger Feiertägliches in die Mikrofone. Klaus von Dohnanyi und Dieter Wedel verneinten dem Westler das Recht, Ost-Fehler wie etwa Stasi-Mitarbeit zu verurteilen. Denn wirkt so etwas nicht ungehörig gegenüber einem Gregor Gysi, dem Dauer-Schmusegast von Erich Böhme? Schon fast gleichgeschaltet wirkte das Fernsehen, als alle Sender von ARD bis Pro 7 den Streit um die Verdienste der Einheit als "unsäglich" verurteilten. Unsäglich angesichts ihrer Festtagsreden aber klingen sie selbst, wenn "Report München" die Zitate von Schröder und Eichel aus der Wendezeit publiziert. Hat der Zuschauer, dem jede Kontobewegung der CDU als Neuigkeit gemeldet wird, kein Recht auf die Vergangenheit der aktuell Verantwortlichen?

Doch es war Party angesagt. "Ätsch Genossen! Die dümmsten Stasi-Mitarbeiter entlarvt" hieß der RTL-Beitrag zum 3. Oktober, der getrost auch die dümmste RTL-Realitysoap aller Zeiten hätte heißen können. Wenn irgendwann die "Gestapo" als Comedy-Truppe verwurstet wird, dann wird sicher niemand mehr an den Spaßfaktor appellieren müssen.

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