Medien : Einige waren Menschen

„Nicht alle waren Mörder“: Michael Degens Kindheitserinnerungen als berührende ARD-Verfilmung

Kerstin Decker

Der Film heißt „Nicht alle waren Mörder“, wie Michael Degens Autobiografie. Und die Geschichte steckt schon im Titel. Auch Jo Baiers Verfilmung handelt davon, dass auch in mörderischen Zeiten nicht alle zu Komplizen des Mordens geworden sind – und sei es durch ihr Stillsein, durch ihr Wegsehen. Ist es der Film zu dem, was die Deutschen schon immer von sich gesagt haben: Es gab auch welche, die anständig geblieben sind? Es gab auch uns! – ?

Wir haben uns längst angewöhnt, solchen Sätzen zu misstrauen. Viel plausibler scheint doch die gegenteilige Aussage: Alle waren Mörder, insofern sie den Mördern nicht in den Arm gefallen sind. Wie schnell schlägt doch die eine Selbstgerechtigkeit in die nächste um. Und wie benutzbar ist dieses so äußerliche, so unangebrachte Wort des „Anstandes“. Anstand – diese hoffnungslos kleinbürgerliche Vokabel des äußeren Anscheins. Und die Formel vom „Aufstand der Anständigen“ ist ein beinahe grotesker Euphemismus.

Der Schauspieler und Autor Michael Degen hat die Geschichte des Jungen aufgeschrieben, der er selbst einmal war. Ein jüdischer Junge in Berlin während des Nationalsozialismus. Und hier in dieser Stadt hat er überlebt – eben weil nicht alle Mörder waren. Jo Baier („Stauffenberg“, „Der Laden“) hat nach Degens erfolgreicher Autobiografie einen berührenden, klugen Film gedreht – jenseits aller Klischees und falschen Eindeutigkeiten. Und er macht sofort spürbar, dass es um Anstand nicht geht, sondern um viel mehr – um etwas, das im Grunde kein Mensch von einem anderen verlangen darf: sich selbst, das eigene Leben zu riskieren – für einen anderen.

Und hier ist es nicht einmal der Nächste, sondern ein Fremder. Ja, mehr noch: Vielleicht weiß niemand vorher von sich selbst, ob er das von sich verlangen könnte. Wer es dennoch von sich zu wissen meint, dem darf man misstrauen. Aber die Hauptpersonen dieses Films sind gar nicht die Helfer des elfjährigen Michael – er selbst und seine junge Mutter sind es. Aaron Altaras, geboren 1995 in Berlin, gibt Michael die bewegende und traurige Klugheit und Reife zu früher Erfahrung. Und Nadja Uhl ist die junge Mutter, die vom Tod des Mannes anfangs wie gelähmt ist. Michael Degen über Nadja Uhl: „Am meisten überrascht hat mich die Darstellung meiner Mutter durch Nadja Uhl, die ihr ja erst mal so gar nicht ähnlich sieht, sich ihr aber innerlich wie äußerlich geradezu erstaunlich angenähert hat.“

Der Junge sieht auf der Straße die SS, sie kommt auf ihr Haus zu. Michael bleibt nichts übrig als das zu tun, was Mütter kleinen Jungen nur schwer verzeihen. Michael gibt seiner Mutter eine Ohrfeige, so stark er kann – und außerdem ist das gerecht. Sie war auch böse geworden, als sie das Luftgewehr fand, dass er sich extra besorgt hatte, um gegen die Nazis zu kämpfen.

Natürlich weiß Michael, dass Juden keine Luftgewehre besitzen dürfen. Andere Dinge dürfen sie ja auch nicht haben: Blumen zum Beispiel, oder Telefonanschlüsse. Sie dürfen auch keine Zeitungen kaufen, nicht in Cafés, Theater oder Kinos gehen, sie dürfen nicht in den Park gehen und in Bäder schon gar nicht. Und Spielzeug dürfen jüdische Kinder auch nicht besitzen. Jo Baier zeigt nicht, wie eine Mutter ihrem Sohn erklärt, dass er kein Kind mehr ist wie alle anderen. Und dass er einen Stern tragen muss. Er zeigt nicht, wie es ist, zum ersten Mal mit diesem Stern auf die Straße zu gehen, und die Nachbarn grüßen nicht mehr. Nein, sein Anfang ist anders: Mutter Degen bekommt die Ohrfeige, springt auf, beide reißen sich die gelben Sterne von den Kleidern und rennen los. Nein, rennen wäre zu auffällig, sie gehrennen. Sie müssen Lona (Maria Simon) erreichen. Lona ist ihre Freundin, sie führt das Textilgeschäft der Familie weiter, seit Michaels Vater das nicht mehr darf – und teilt alle Einnahmen mit ihnen. Lona wird sie schon unterbringen.

Die erste Station für Mutter und Sohn wird die großbürgerliche Wohnung einer russischen Emigrantin. Die Pianistin war einmal mit einem Juden verheiratet, sie mag Juden. Aber ein wenig mag sie sie auch nicht, denn sie hat sich von ihrem Epstein wieder scheiden lassen. Für Geld also, und: „Dass ihr nicht aus Euren Zimmern kommt, wenn ich Besuch habe!“ Hannelore Elsner spielt die russische Dame, in deren Gesicht jeder Zug verrät, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hat. Leider mag es die Dame auch, wenn kleine Jungen wie Michael bei ihr im Bett liegen. Ist schon ganz gut, dass irgendwann eine Bombe auf das Haus fällt, aber bei Oma Teuber (Katharina Thalbach) ist es auch merkwürdig. Seine Mutter kann sagen, was sie will – sie sind hier in einen Familien-Puff geraten. Am besten wird es bei Karl Hotze (Richy Müller) sein, der ist zwar Kommunist, aber nach all den Weibern, findet der Elfjährige, ist dieser Mann doch eine wahre Erholung. Bloß dumm, dass er selbst in Gefahr ist.

Nein, Helden sind diese Berliner nicht unbedingt, jedenfalls haben sie ausnahmslos noch viel mehr Eigenschaften. Tragik und Komik liegen oft sehr nah beieinander, die Kamera schaut meistens mit Michaels Augen auf die seltsamen Kinder, die die Erwachsenen sind, und trotzdem atmet alles die Atmosphäre der Angst. Man weiß es, die Nationalsozialisten haben es bis zuletzt nicht geschafft, Berlin zu einer einheitlich braunen Stadt zu machen.

Der Widerstand so vieler Menschen, die unter eigener Lebensgefahr geholfen haben, ist erst spät gewürdigt worden. In den 50er Jahren setzte sich das obrigkeitsstaatliche Denken ungebrochen fort. Widerstand, erklärte der Bundesgerichtshof, dürfe nur aus dem Zentrum der Macht erfolgen: Menschen, die Verfolgten halfen, haben keinen Widerstand geleistet. Michael Degen hat das immer besser gewusst. Und Jad Vaschem in Israel auch. Und Jo Baiers sensibler Film.

„Nicht alle waren Mörder“, ARD, um 20 Uhr 15

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