Medien : Einkaufsfernsehen: Harrys Warenwelt

Thomas Gehringer

"Hallo, Harry", sagt Carmen, die Staubsauger-Vertreterin. Ob sie ihn wirklich persönlich kennt, wissen wir nicht, aber das ist auch egal: Harry ist ein alter Bekannter in diesen Kreisen. Eben staunte er noch angemessen über ein Wasserspar-Set mit enormen magnetischen Eigenschaften, davor ließ er sich eine suppenkochende Küchenmaschine vorführen. Als er hörte, dass dieses "Küchenwunder" auch noch Eis herstellen kann, entfuhr ihm ein wohliger Seufzer. So lieben ihn seine Fans: Der rundliche Holländer Harry Wijnvoord ("Der Preis ist heiß") ist eine Institution in der Welt der TV-Waren, und sein Comeback am 12. Februar im neuen, morgendlichen Teleshopping-Fenster von RTL war ein kleines Medienereignis. Doch, ach, es gibt auch eine schlechte Nachricht: Im Shoppingkanal von RTL, der heute auf Sendung geht, wird Harry Wijnvoord allenfalls Gastauftritte haben. Man will das Publikum mit fünf nahezu unbekannten Moderatoren bedienen, zwei Frauen und drei Herren, darunter immerhin Walter Freiwald, Harrys rechte Hand in der "Preis-ist-heiß"-Verkaufsshow. Vorerst sechs Stunden lang, täglich von elf bis 17 Uhr, wird sich der RTL Shop über den Satelliten Astra 1A in seine Auslagen blicken lassen. Irgendwann im Jahr 2002 sollen es dann zwölf Stunden Live-Programm werden.

Der Kölner Privatsender verspricht sich einiges vom Einstieg in den Teleshopping-Markt, der im vergangenen Jahr für die beiden Konkurrenten - Home Order Television AG (HOT) und QVC Deutschland GmbH - 850 Millionen Mark Umsatz abgeworfen hat. HOT konnte seinen Gewinn vor Steuern 1999 um 89 Prozent auf 45 Millionen Mark steigern, wie der Sender mitteilte. Die Zahl der Kunden stieg auf 1,3 Millionen, denen 17 000 Artikel angeboten werden. Schmuck und Accessoires führen das Sortiment an. Nach HOT-Angaben sind die Kunden zu 60 Prozent weiblich, stammen aus den mittleren bis oberen Einkommensklassen. Beinahe die Hälfte ist zwischen 30 und 49 Jahren alt, lebt in Haushalten mit drei Personen und mehr. Arbeiter und Angestelle überwiegen beim Berufsbild, Hausfrauen und Rentner sind in der Minderheit. Der Familienstand zu 78 Prozent: verheiratet/fester Partner.

Umsatztreiber RTL

In der Branche wird allgemein erwartet, dass der Markt in den nächsten Jahren um mehr als das Doppelte wachsen kann. Der Marktführer des kommerziellen Fernsehens sieht sich selbst als "Umsatztreiber", sagte RTL-Chef Gerhard Zeiler gegenüber dem "Handelsblatt". RTL investiert 65 Millionen Mark und will in drei Jahren mit RTL Shop schwarze Zahlen schreiben. So kommt es mal wieder zum bekannten Marktduell zwischen RTL und der Kirch-Gruppe. Die Kirch-nahe HOT AG wird ab dem 5. März ebenfalls Teleshopping-Fenster in den Programmen von Sat 1 und Kabel 1 öffnen. RTL Shop kontert mit Programmfenstern bei RTL 2 (ab 5. März) und bei Vox (1. April). Dazwischen steht QVC (auf Deutsch: Qualität, Wert, Bequemlichkeit) mit einem finanzkräftigen amerikanischen Mutterhaus (3,4 Milliarden US-Dollar Umsatz). Sich voneinander zu unterscheiden, dürfte den verschiedenen Programmen nicht ganz leicht fallen. Teleshopping sieht überall ziemlich gleich aus: Moderatoren begrüßen Firmen-Vertreter, die ihre Produkte in billigen Wohnzimmer- und Küchen-Kulissen präsentieren. Und eingerahmt wird das zuweilen skurrile Geschehen von Grafiken, die über Bestellnummern, Preis, Hotline und Internet-Katalog informieren. Da bleiben nur minimale Unterschiede im Design: hellere Farben, abgerundete Grafiken, Kulissen im Ikea-Stil - der RTL Shop soll sich dem allgemeinen RTL Look anpassen, der auf ein junges Publikum zielt. Doch was neben einem gut funktionierenden Service wirklich zählt, sind "Produkte, Produkte, Produkte", sagt Heinz Scheve, Geschäftsführer von RTL Shop. Küchengeräte, Reinigungsmittel, Kosmetika und Schmuck sind Klassiker des Teleshoppings. RTL Shop wird sie in einstündigen monothematischen Sendungen ("Schmuck-Shop" usw.) präsentieren. Natürlich werden programmnahe Produkte wie die CD von GZSZ oder Werbeartikel zur Formel 1 nicht fehlen. Mit solchem Merchandising sollen rund zehn Prozent der Sendezeit gefüllt werden. Für den angestrebten Verkauf von Reisen hat RTL Shop dagegen noch keinen Partner gefunden, während HOT für 2002 bereits einen Reisekanal vorbereitet.

Harry Wijnvoords Comeback ist offenbar ein Erfolg. Das Teleshopping-Fenster im RTL-Programm hat zu Einnahmen geführt, die "deutlich über unseren Erwartungen" lagen, sagt Shop-Sprecher Scheve. Das Internet spiele dabei noch keine wirkliche Rolle. Doch wenn Fernsehen in der Zukunft keine Einbahnstraße mehr ist, sondern ein interaktives Medium, dann sei Teleshopping "die einzige Anwendung, die Sinn macht", oder, wie sich Heinz Scheve auszudrücken beliebt, eine "Killer-Applikation". Also ein todsicheres Geschäft.

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