Medien : Einmal täglich Müntefering

Was haben zwölf Monate Kanzlerschaft aus Angela Merkel gemacht? Das ZDF sucht Antworten

Markus Ehrenberg

Die schönsten Momente im Politikerfernsehen sind zurzeit die mit Roland Koch. Auch oder gerade wenn Angela Merkel mitspielt, wie heute bei der ZDF-Dokumentation „Die Kanzlerin“. Darin schaut sich die erste deutsche Regierungschefin selbst beim Arbeiten zu, auf Videos wird sie mit Begegnungen und Ereignissen ihrer zwölf Monate im Amt konfrontiert. Als in dem Film irgendwann der hessische Ministerpräsident auftaucht und gewunden einen Treueschwur auf die Kanzlerin ablegt, ist Merkels Gesichtssprache eindeutig: Dich durchschau’ ich.

Nun ist es immer so eine Sache, Politiker allzu lange ungefiltert vor Kameras zu Worte kommen zu lassen. Weil die Kanzlerin – im Gegensatz zu ihrem Vorgänger – vor der Kamera eher ungelenk wirkt, sie „aber eigentlich ganz anders“ sei, haben die Autorinnen Evelyn Roll und Claudia Bissinger versucht, über Umwege „an Angela Merkel näher heranzukommen“. Sie spielten der Kanzlerin jene Bilder ab, die Marksteine ihrer Amtszeit waren und ließen sie diese kommentieren. Der TV-Showdown am Wahlabend mit Gerhard Schröder, die Neujahrsansprache, in Beckenbauers Armen bei der Fußball-WM, Libanon-Abstimmung im Bundestag, das Verhältnis der CDU-Chefin zum Partner in der großen Koalition („Mindestens einmal täglich denke ich an Vizekanzler Müntefering“), die Begegnungen mit den Großen der Welt; Bush, Chirac, Putin, Blair. Was macht Merkel aus diesem Amt, und vor allem, was macht das Amt aus Merkel, wollten die Autorinnen wissen.

Und tatsächlich, zwischen Video-Einspielern und Merkel-Reaktionen fragt man sich: warum nicht? Das könnte schon noch „Helmut Kohls Mädchen“ sein, auch als mächtigste Frau der Republik. Merkel wundert sich, zeigt Humor, Selbstironie. Kameras hin, Journalisten her. Als der englische Premier die Kanzlerin in der Downing Street verabschiedet, kommentiert Merkel, dass da ja Blair seine Hand in der Hosentasche lässt. Dann die anfangs leicht missglückten Auftritte auf dem roten Empfangsteppich vorm Kanzleramt („das meistere ich ja mittlerweile“) oder ein Besuch im Bundeswehr-U-Boot, mit Stöckelschuhen – Merkel guckt, bläst die Backen auf, lächelt, rollt die Augen, dazwischen: „Können Sie das mal kurz anhalten?“ Sie sagt auch: „Ich sehe, dass ich ständig weiß, dass ich gefilmt werde.“ Angela Merkel – eine Schauspielerin, doch noch auf dem Weg zum ausgebufften Medienprofi wie Gerhard Schröder? Vielleicht. Es dürfte jedenfalls auch Sozis schwerfallen, diesem dauerverschmitzten Merkel-Grinsen zu widerstehen, nicht nur angesichts Koch, auch bei Stoibers Original-Ton über seinen Berlin-Verzicht, bei all jenen Landesfürsten, die Merkel in der Partei möglicherweise was neiden. „Sie akzeptieren eine Kanzlerin nicht“, sagt Renate Künast.

Merkel privat, die Kanzlerin privat, tiefere Einblicke in Gefühlswelten, das schafft allerdings auch die langjährige Merkel-Biografin Evelyn Roll in einem Jahr on tour mit der Regierungschefin nicht. Ein paar Sätze zum Kanzlergatten, flüchtige Bilder vom Kurzurlaub unterm Regenschirm, vor Fotografen versteckt. Herr Merkel bleibt Privatsache. Keine Homestory in Templin. Was den kritischen Impetus betrifft, geht dieser Kanzlerfilm nicht weiter als Leinemanns gepflegtes Schröder-Porträt im Oktober im Ersten. Hier wie dort kaum Kratzer am Kanzlerbild. Vielleicht kriegt das ZDF eine höhere Quote. „Die Kanzlerin“ läuft direkt nach dem Fußballländerspiel. Und eine Verlängerung gibt es nicht.

„Die Kanzlerin“, ZDF, 22 Uhr 10

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