Einschaltquoten : Oscar-Gala fehlten die Zuschauer

Hollywoods prunkvolle Oscar-Gala ist beim deutschen Fernsehpublikum auf geringes Interesse gestoßen. Die nächtliche Live-Übertragung hielt in Deutschland nur 0,36 Millionen TV-Zuschauer wach.

München/Los Angeles - Der Marktanteil habe damit 15,2 Prozent betragen, teilte der Sender Pro Sieben mit. Im vergangenen Jahr hatten 0,58 Millionen zugeschaut (Marktanteil 16 Prozent). In Amerika sackte die Einschaltquote im Vergleich zu 2005 sogar um fast zehn Prozent ab.

US-Medien begründeten das mangelnde Interesse am Dienstag mit der gesellschaftspolitischen Thematik der Filme mit den größten Oscar- Chancen. Der diesjährige Sieger, "L.A. Crash" über die alltägliche Rassendiskriminierung in Los Angeles, war für nur sieben Millionen Dollar (5,9 Millionen Euro) gedreht worden, weniger als einem Zehntel der Produktionskosten von Steven Spielbergs "München".

Zu den politischen Aspekten der Oscar-Verleihung schrieb die spanische Zeitung "El Periódico de Catalunya" (Barcelona) am Dienstag: "Der erwartete Linksruck in Hollywood blieb aus. Der Oscar für den besten Film ging mit "L.A. Crash" an den Streifen, der von allen Bewerbern am wenigsten unbequem war. Dass der als Favorit gehandelte Western "Brokeback Mountain" nur den Preis für die beste Regie erhielt, war ein Kompromiss, den die Verantwortlichen politisch für die korrekteste Lösung hielten."

Die belgische Zeitung "De Morgen" lobte den Oscar-Sieger "L.A. Crash" als "ungewöhnliche und eindringliche Seherfahrung". Der Film zwinge jedermann, "in sein eigenes Herz zu schauen. Und was man dort zu sehen bekommt, ist nicht immer aufmunternd oder beruhigend." Die in Graz erscheinende "Kleine Zeitung" empfahl zu bedenken, "auf welcher Veranstaltung man hier ist: Noch 1997 hatte das Eisberg-Epos "Titanic" allein elf der 24 Oscars abgeräumt. Zuvor waren es Spektakel wie "Ben Hur" oder "Herr der Ringe", die diesen Bewerb erdrückend dominierten."

Der italienische Wissenschaftler und Autor Umberto Eco schrieb in einem Essay, die meisten Amerikaner fänden erst im Umweg über mediale Fiktion den Weg ins wirkliche Sein. Vermutlich würden auch die unfassbaren Fehlleistungen in New Orleans nach den Hurrikans von 2005 erst dann politische Sprengkraft gewinnen, wenn die Hollywood-Version davon in die Kinos käme. "In diesem Umfeld gebührt der heutigen Jury beinahe ein Oscar für politische Bildung."

Der "San Francisco Chronicle" nannte die Niederlage von "Brokeback Mountain" eines der "schockierendsten" Ergebnisse in der Geschichte der Oscars. "Ist Hollywood gar nicht so liberal, wie die Rechtskonservativen es darstellen?", fragte sich die Zeitung und meinte dann, offenbar überwiegen bei den Oscars die alternden Wähler, die einfach noch nicht reif sind, für die Liebesgeschichte von zwei schwulen Cowboys zu stimmen.

Nach Angaben des US-Senders ABC lockte die Verleihung der begehrtesten Filmpreise der Welt in den USA 38,8 Millionen Menschen vor den Bildschirm - im Vorjahr waren es noch 42,1 Millionen gewesen. Die Veranstalter hatten mit niedrigen Einschaltquoten gerechnet, weil diesmal keine Blockbuster-Filme im Mittelpunkt standen. Zuletzt war das Zuschauerinteresse vor drei Jahren nach dem Irak-Kriegsbeginn auf einen Tiefpunkt gesunken, als nur 33 Millionen Menschen des Siegeszug von "Chicago" am Bildschirm mitverfolgten. 1998 konnte die Show mit dem Drama "Titanic" 55,2 Millionen US-Zuschauer in ihren Bann ziehen. (tso/dpa)

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