• "Einstürzenden Neubauten": Singende Bohrmaschinen - Porträt der Band um Blixa Bargeld im Arte-Programm

Medien : "Einstürzenden Neubauten": Singende Bohrmaschinen - Porträt der Band um Blixa Bargeld im Arte-Programm

Kai Müller

Wenn man bedenkt, dass "Einstürzende Neubauten" Popstars hätten werden können. Reich, berühmt und unerreichbar. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würden die Pioniere des Industrial-Rock um Blixa Bargeld in eine höhere Sphäre entschweben. Der charismatische Sänger hatte sich das immer gewünscht. Doch sie blieben der anarchistische, unberechenbare Haufen, der von dem eigenen entfesselten Klang-Chaos verschlungen zu werden drohte. Statt Popstars wurden die Neubauten Kulturgut. Diesen Eindruck erweckt zumindest die von Birgit Herdlitschke und Christian Beetz gedrehte Dokumentation (0 Uhr 15, Arte), die aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Band die Stationen ihres Werdegangs Revue passieren lässt. Das Porträt zeichnet die Entwicklungslinien nach, an deren Ende das im vergangenen Herbst veröffentlichte Album "Silence is sexy" steht. Ein Werk der pastellenen Töne, von Streicher-Arrangements untermalt, das kaum noch an den einstigen Vorsatz der Band errinnert, die musikalischen Strukturen so vollständig zu zertrümmern, dass an ihrer Stelle etwas Neues entstünde. Ihr Ziel sei gewesen, meint Alexander Hacke, "wahre Begebenheiten in einen Zusammenhang zu bringen, der am Ende Musik bedeutete". In seinem Kern folgte dieses radikale Programm der romantischen Vorstellung, dass es eine Harmonie jenseits strukturierter Akkorde gibt. Dafür verzichteten Bargeld und seine Weggefährten N.U. Unruh, Alexander Hacke, Mark Chung und F.M. Einheit auf konventionelle Instrumente und benutzten stattdessen Schlagbohrer, Eisenstangen, Kreissägen und Schrott. Während die Musiker kraftvolle Klangvisionen entwarfen, entriss Bargeld Worte ihrem angestammten Kontext, um verstörend düstere Metaphern hervorzupressen.

In dem exzentrischen englischen Produzenten Stevo fand die deutsche Band einen Fürsprecher, der ihnen uneingeschränkte Produktionsmittel zugestand. Doch was er in die Platten investierte, reklamierte er auch gänzlich für sich. Bis heute, sagen die Neubauten, hätten sie keine korrekte Abrechnung vorgelegt bekommen.

Der große Durchbruch erfolgte mit ihrer Mitwirkung bei Peter Zadeks Hamburger "Andi"-Inszenierung, als das bürgerliche Feuilleton auf die Avantgarde-Rocker aufmerksam wurde. Von diesem Augenblick an werden sie vom Goethe-Institut um die Welt geschickt. Daran zerbricht die Band sukzessive. Sie hätten sich an den Kulturbetrieb "verkauft", gibt Bargeld freimütig zu, und Einheit begründet schließlich seinen Austritt mit der Feststellung: "Die Neubauten sind nicht mehr eingestürzt."

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