Medien : Eisschränke am Nordpol verkaufen

Warum Chefredakteur Diekmann auf eine Wahlempfehlung in „Bild“ verzichtet

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Die „Bild“Zeitung wird für die Bundestagswahl am 18. September keine Wahlempfehlung aussprechen. Ihr Chefredakteur Kai Diekmann begründet dies in einem Beitrag für die September-Ausgabe von „The Atlantic Times“. Aus Diekmanns Sicht sprechen verschiedene Gründe dagegen, „erstens die völlige Sinnlosigkeit. Zeitungsleser leben nicht auf irgendeiner Insel. Moderne Robinson Crusoes, die nach langen Jahren der Einsamkeit erfahren möchten, wen sie nun wählen sollen, dürften eher selten sein.“ DerZeitungsleser werde nicht verzweifelt seine Zeitung nach ihrer Wahlempfehlung durchsuchen, und noch weniger werde er sich danach richten. Zweitens wisse jeder Leser, wo seine Zeitung politisch stehe.

„Daß Bild mit ihrem klaren Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung weder die Kommunisten noch ihre Nachfolgeparteien empfehlen wird, bedarf keiner Erklärung“, schreibt Diekmann weiter. Alle Zeitungen stünden für ein bestimmtes Menschenbild, aus dem sich die politische Richtung ergebe. Laut Diekmann sind Wahlempfehlungen an die eigene Leserschaft so notwendig wie der Verkauf von Eisschränken am Nordpol.

„Drittens empfinde ich Wahlempfehlungen immer auch ein wenig als Bevormundung“, so Diekmann. Man misstraue dem Wähler, möchte ihm am liebsten in der Wahlkabine über die Schulter schauen und die Hand führen. Mit dem Gedanken des Souveräns, der ausschließlich nach eigenem Gutdünken und frei jeder Rechtfertigung entscheide, passe das nicht zusammen.

Der „Bild“-Chefredakteur hat noch einen vierten Grund gegen eine Wahlempfehlung parat – das deutsche Parteienwesen. In Ableitung eines „populären Witzes“ gibt es für Diekmann in Deutschland derzeit sechs Parteien. „Eine sozialistische aus dem alten kommunistischen Ostdeutschland; eine weitere sozialistische Partei gegen Atomkraft und Gentechnik; eine dritte sozialistische Partei für Arbeiter und Angestellte ohne engere christliche Bindung – sie stellt zur Zeit den Kanzler; eine vierte, die gern die Kanzlerin stellen möchte, für Arbeiter und Angestellte mit christlichem Bekenntnis; eine fünfte sozialistische Partei speziell für bayrische Katholiken und Landwirte.“ Und schließlich gebe es noch eine Partei, die auf Eigenverantwortung, Staatsferne, Abbau von Subventionen und niedrigere Steuern setze – aber die spiele eigentlich keine Rolle. „Wen soll man da also empfehlen?“, schließt Diekmann. jbh

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