Medien : Eiszeit

Beeindruckender Kölner „Tatort“, der im ehrgeizigen Eiskunstlaufmilieu spielt

Barbara Sichtermann

Köln bei Nacht – selten hat man die Metropole am Rhein so konsequent in Nachtschwärze und Schwerdurchschaubarkeit getaucht erlebt. Kameramann Wojciech Szepel fand verfremdende Perspektiven auf die Stadt, die Brücken und Innenräume, er liebt Reflexe und schwebende Lichter, und man könnte all dies als Manierismen abtun, wenn es nicht in diesem Krimi einer Geschichte diente, die genauso finster und kühl ist wie die Beleuchtung des Films.

Es geht um einen Mord auf dem Eis – nicht etwa auf dem zugefrorenen Fluss, sondern auf einer Kunsteisbahn. Und die handelnden Personen tragen keine normalen Stiefel, sondern Kufen an den Füßen, sie reden kein normales Kölsch, sondern ein abgehobenes Idiom, bei dem sich alles um einen menschenfresserischen Leistungssport dreht. Und sie schweigen verächtlich, wenn die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ihre Routinefragen stellen: „Ist Ihnen was aufgefallen?“ Sie sind ja alle selber ziemlich auffallend, diese Eiskunstlauftypen, sie wollen gesehen werden, nicht selber sehen. Regisseur Züli Aladag hat einen Film mit der berühmten „atmosphärischen Dichte“ gedreht, wobei das Element, das sich hier verdichtet hat, buchstäblich aus Kälte, aus tödlichem Eis auf der Bahn und in der Brust so mancher Sportkarriereristen besteht.

Was ist geschehen? Ein Eislauftrainer wird tot aufgefunden. Er liegt auf dem Eis, auf seiner geliebten Bahn, er ist den Kältetod gestorben, zuvor aber niedergeschlagen worden. Seine Favoritin, das Mädchen, für deren Karriere er alles tat, die talentierte Lilly (Zoe Weiland), weiß etwas, gibt aber nichts preis. In der Familie des Ermordeten geht es dramatisch zu: Die Frau hat einen anderen, und zwar den eigenen Schwager, und der Sohn hat ein Geheimnis.

Lillys Konkurrentin, die ihrerseits hochbegabte Jeanette, ist magersüchtig, ihre Mutter (wie stets ausgezeichnet: Gabriela Maria Schmeide) vom Schlage jener grässlichen elterlichen Ehrgeizlinge, die ihr Kind um jeden Preis zum Star machen wollen. Der Zuschauer ergötzt sich am Kontrast zwischen den eher schlichten Lebensregeln, denen die beiden Kommissare anhängen, und den so ganz anderen, zweifelhaften Werten, die im Hochleistungssport dominieren. Mit schrägen Blicken streifen die Kölner Cops eine Welt, die ihnen auf immer verschlossen bleiben wird, womit sie ja auch ganz einverstanden sind, in die sie aber nun eintauchen müssen, um die Verschwörung des Schweigens zu brechen. „Ich esse lieber Eis, statt drauf rumzulaufen“, bringt Freddy Schenk die Situation auf den Punkt. Als er, aufgebracht durch die Selbstverständlichkeit, mir der die Zukunft junger Mädchen an ihren Bedürfnissen vorbei verplant wird, und gerührt durch die hilflose Jeanette, angstvoll seine Tochter fragt, ob er denn auch genug für sie da gewesen sei, erfährt er zu seiner Beruhigung: „Für ’nen Polizeihauptkommissar, der keine Zeit für die Familie hat, bist du ganz okay.“

Die Eislauf-Elite hat natürlich erst recht keine Zeit für die Familie, dafür umso mehr für den Ehrgeiz, weshalb sich eine von allen guten Geistern verlassene Beziehungshölle auftut, die bald den zweiten Mord hervortreibt. Glaubhaft werden hier Milieu, Moral und Metapher (Eis) aufeinander bezogen; und trotz der Düsternis von Schauplatz und Story kommen Ballauf und Schenk mit ihrem Humor und ihrem gesunden Menschenverstand mal wieder so richtig gut raus.

„Tatort: Erfroren“: ARD, 20 Uhr 15

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