Medien : Ekeln, tricksen, demütigen

Was Trash-TV genannt wird, ist in Wahrheit die Ausrichtung auf eine neue Zielgruppe: Gesindel. Aus Amerika kommen immer neue Varianten

Jo Groebel

Nach den Osbournes jetzt also die Gangstertochter. Das amerikanische Wirklichkeitsfernsehen hat sich nach den ausgesprochen witzigen Alltagsbeobachtungen des selbstironischen Schwermetallgroßvaters Ozzy des auch schon in die Jahre gekommenen Sprösslings von Mafiaboss Gotti (†) bemächtigt. Nicht ganz so witzig, genauso reich. Von der Kritik bereits als ultraöde abgemeiert konnte man vergebliche Rendez-vous der platinblonden Üppigen Victoria Gotti miterleben. Erschossen wurde niemand vor laufender Kamera, vielleicht haben sich allenfalls einige Zuschauer zu Tode gelangweilt. Derweil fragt man sich in Deutschland nach „Alm“ und TV-Schönheitsoperationen zum 257. Mal: Wo soll das alles noch hinführen mit den Reality-Shows?

Jon de Mol plant ein Spermien-Wettrennen und Jürgen Drews, nicht ganz so Ozzy, scharrt schon mit den Hufen, um endlich auch seine gespielt selbstironische und letztlich doch nur exhibitionistische Dauerpräsenz auf dem Bildschirm irgendwo zwischen Mallorca und Dschungel zu kriegen. Ist das alles wirklich schädlich, geht jetzt endlich das Abendland unter? Natürlich nicht. Keiner traut’s sich zu sagen. Ich will’s mal tun. Wir haben schlicht und einfach, ja wirklich schlicht und einfach seit geraumer Zeit das Gesindelfernsehen , vornehmer, damit’s nicht weh tut, auch Trash-TV genannt, etabliert. Damit ist nach Jahrzehnten eines vor allem elitegestalteten Programms das Pendel lediglich zur anderen Seite ausgeschwenkt, übrigens nicht einmal wirklich dominierend. Das Gros der Sendungen im deutschen TV ist immer noch harmlos, seriös oder gar inhaltlich brilliant. Nur, das Skandalöse erregt natürlich die Gemüter und wird schnell fälschlich als repräsentativ für die ganze Kultur gesehen.

Allerdings könnte die Gesindelnorm mit besonderer Wollust in das offizielle Leben übernommen worden sein. Das Primat der Selbstverwirklichung und die Vereinigung einer intellektuellen oder kulturellen Meinungsführerschicht sind auch Konsequenzen des „everything goes“, nachdem wir das Zeitalter der verdächtig gewordenen Ideen verabschiedet hatten. Vor allem aber hatte der Markt, jetzt von normativen Ansprüchen auch beim Fernsehen befreit, nicht nur die früher Unterschicht genannte Bevölkerungsgruppe als Ziel entdeckt, sondern erkannt, dass diese sogar eine Art neue, wenn auch diffuse Norm geschaffen hatte: Aus Exhibitionismus wurde „Selbstverwirklichung“, aus Unverfrorenheit „Ehrlichkeit“, aus Grobheit das „Authentische“.

Durchaus begeistert fand sich eine intellektuelle und wissenschaftliche Elite, die das so charmant „Trashige“ im Fernsehen als Diskurs über veränderte Normen feierte. Mag ja sein, nur, wollen wir die? Immerhin, so manches an den Reality- Shows ist eine reine Geschmacksfrage, zeigt uns die Dynamik dessen, was wir für schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, abstoßend oder anziehend halten. So haben wir vielleicht durch den „Dschungel“ sogar gelernt, dass Schlangen und Kakerlaken durchaus harmlos, wenn nicht gar possierlich sein können und der Kontakt mit ihnen auch nicht schlimmer als der mit einem Eichhörnchen ist.

Das Gesindelige an manchen Shows ist etwas anderes: Das nicht mehr Akzeptieren der psychologischen Grenzen des anderen, die Häme, die dem Gedemütigten zuteil wird, die „Kultivierung“ und demonstrativ ausgestellte Zuspitzung des Wort- und Schlagabtauschs zwischen Konfliktpartnern. An die Stelle von Einfühlsamkeit und Lösungsversuch ist die Lust an der Streiteskalation und am Zusammenbruch des anderen, des Schwächeren (auch „D-Promis“) getreten.

Gerade feiert ein Musical Triumphe, das dem Urvater des Gesindelfernsehens gewidmet ist, Jerry Springer. Seine Show hatte in den USA als eine der ersten, sicher als erfolgreichste vor mehr als anderthalb Jahrzehnten Mitspieler von den Tiefen des sozialen Lebens nach oben geholt. Da gingen mehr faust- als wortreich eifersüchtige Frauen, Männer in hetero-, homosexuellen und sonstigen Konstellationen vor laufender Kamera aufeinander los, da enthüllte zum Beispiel die Ehefrau dem Mann nach Jahren, dass sie erfolgreiche Hardcoreporno-Darstellerin sei. Was nach Inszenierung klang, war echt. Nach ähnlichen Shows kam es zu Selbstmorden, schweren psychischen Schäden, gar zum Rachemord. Und immer waren die Programmverantwortlichen nicht verantwortlich, denn die Akteure hatten ja freiwillig mitgemischt und gewusst, worauf sie sich einließen. Jedenfalls so ungefähr.

Dies macht den Blick über den Teich so interessant: Während die amerikanische Prüderie bei Jerry Springer und den anderen jedes F-Wort mit dem klassischen „Beep“, einem Signalton überlagert, so dass manchmal die Hälfte der Sendung einem Einton-Pfeifkonzert gleicht, dürften gleichzeitig gestisch und argumentativ die größten Gemeinheiten ausgetauscht werden. Und das kennzeichnet bis heute die zahlreichen amerikanischen Reality-Formate: Nahezu nichts ist Tabu, besonders nicht die zum Teil extreme Demütigung einzelner. Nur bestimmte Wörter oder auch ein entblößter Busen, zum Beispiel der von Janet Jackson, dürften halt nicht vorkommen.

Sozialdarwinismus dagegen sehr wohl, und da unterscheiden sich Unterschicht und Oberschicht nicht. Einer der amerikanischen Branchenstars, Mark Burnett, geborener Engländer, hat neben vielen auch nicht erfolglosen Formaten, nach „Survivor“ zuletzt den Reality-Hit „The Apprentice“ gelandet: Als Pendant demnächst auch im deutschen Fernsehen zeigte die Show rund um den berühmt-berüchtigten Selfmade-Unternehmer Donald Trump, dass nur die Kandidaten es wirtschaftlich bis ganz nach oben schaffen, die nicht von moralischen Skrupeln geplagt werden. Rücksichtslosigkeit, Tricksereien, Ellenbogen werden belohnt, lehrbuchmäßiges Führungsverhalten als Harvard-Spinnerei verlacht. Vielleicht ist das ja tatsächlich die Wirklichkeitsbotschaft: Vergesst die Errungenschaften einer zivilisierten, kooperativen Welt, die Gesindelnorm ist nicht eine Frage der Schicht und der Worte, sie gilt auch in den Führungsetagen. Einzig die Maximierung des eigenen Vorteils zählt, der andere, das Gemeinwohl sind Sentimentalitäten von gestern.

Kann sein, dass dann doch stimmt, was viele behaupten, Fernsehen spiegele nur gesellschaftliche Realität wieder, schaffe sie nicht. Hält man sich das jüngst bekannt gewordene Verhalten mancher Wirtschaftsführer vor Augen, könnte man tatsächlich auf diese Idee kommen. Und doch definieren auch die Medien selbst, was ethisch und normativ akzeptabel ist und was nicht.

Ist Burnetts neueste Produktion rund um Sylvester Stallone und ein Box-Casting noch harmlos, ist es sein zwischen Dokumentation, Fiktion und Einfädelung angesiedeltes geplantes Format über Kindesentführung, Arbeitstitel „Recovery“, wohl nicht. Spätestens seit „Scare Tactics“ wissen wir, dass man nicht mehr davor zurückschreckt, auch Ahnungslose, also eben nicht Freiwillige, mit den extremst traumatisierenden Situationen zum Ergötzen des Publikums zu konfrontieren. Von daher ist es schon charakteristisch für unsere TV-Kultur, dass wir es eben nicht mehr von vornherein als bloßes Hollywood-Gerücht ausschließen können: Eine Mutter glaubt, ihr Kind sei entführt worden, die Jagd wird zum Fernsehspektakel. Dann vielleicht doch lieber das Format das von Fox-TV in den USA eingestampft wurde: Eine Casting-Show mit dem Arbeitstitel „Amerika sucht den Präsidenten“...

Der Autor ist Chef des Europäischen Medieninstitutes in Düsseldorf.

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