Medien : Elefanten im Juwelierladen

„Blutdiamanten“ im „Tatort“ des WDR: Ein neuer Fall – und wieder politisch

Thomas Gehringer

Zwischen funkelnden Steinen, bei Champagner und Häppchen will Juwelier Karl De Mestre (Andreas Windhuis) das 100-jährige Bestehen seines Familienbetriebs feiern. Doch in das luxuriöse Ambiente platzen maskierte Männer und Frauen, fuchteln mit Spielzeugwaffen herum, werfen Rauchbomben und Farbbeutel. „Diese Diamanten kosten Menschenleben“, ruft Aktivistin Celine Baya (Isabella Parkinson) ins Megaphon. Auf dem Polizeirevier erklärt sie später, die Leute bei der Feier sollten „mal eine Ahnung vom Bürgerkrieg bekommen, den sie so schön beiseite schieben wollten“. „Blanker Terrorismus“, wettert De Mestre, was Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) „ein bisschen übertrieben“ findet. Allerdings geht die Aktion gründlich schief: Einer der Globalisierungsgegner wird erschossen. Die Kugel, so scheint es, stammt aus einer Polizeiwaffe.

Der Krimi ist zur bevorzugten Fernsehgattung für gesellschaftskritische Stoffe geworden. Besondere Tradition hat das beim Kölner „Tatort“. Der WDR bemüht sich laut Redakteurin Katja De Bock etwa alle zwei Jahre um die Umsetzung eines politischen Themas, und zuweilen hat das spürbare Folgen: Im Dezember reisten die Hauptdarsteller Behrendt, Dietmar Bär und Jo Bausch auf die Philippinen, wo sie mit dem nach den Dreharbeiten zu „Manila“ (April 1998) gegründeten Verein „Tatort – Straßen der Welt“ eine Kinderschutzorganisation unterstützen. Anschließend forderten sie die Bundesregierung auf, sich für bessere Haftbedingungen von verurteilten Straßenkindern in dem Inselstaat einzusetzen. Ihr vorletzter Fall „Minenspiel“ war sogar im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestags diskutiert worden. Nach der Ausstrahlung im Mai 2005 registrierte die Hilfsorganisation Medico International ein höheres Spendenaufkommen und steigende Zugriffszahlen auf die Internetseiten der Anti-Landminen-Kampagne.

Ähnliches erhofft sich Anne Jung von Medico International auch nach diesem „Tatort“, dem 33. Fall für Ballauf und Freddy Schenk: „Ich bin dankbar, dass Millionen Zuschauer auf diese Weise an die vergessenen Bürgerkriege in Afrika erinnert werden“, sagt sie. In Zusammenarbeit mit der Bundesregierung soll es außerdem ein Medienpaket zum Thema „Blutdiamanten“ für Schulen geben. Während also Ballauf und Schenk ermitteln und schließlich in Antwerpen landen, dem wichtigsten europäischen Handelsplatz für Diamanten, wird nebenbei eine unmissverständliche Botschaft ans Fernsehvolk vermittelt: Mit dem Abbau und Handel von Diamanten werden Waffen für die Bürgerkriege in Ländern wie Kongo, Angola und Sierra Leone finanziert. Laut dem Bonn International Center for Conversion (BICC) räumte Branchenführer De Beers ein, dass im Jahr 2000 3,7 Prozent oder 280 Millionen Dollar des weltweiten Umsatzes an Rohdiamanten auf so genannte „Konflikt“- oder „Blutdiamanten“ entfielen. Das Kimberley-Abkommen von 2002 will diesem Handel ein Ende machen, doch wirksame Kontrollen gibt es kaum (www.medico-international.de/kampagne/fatal).

Und was ist mit dem Krimi? Zum Glück ersparen uns die Autoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven Poser sowie Regisseur Martin Eigler („Solo für Schwarz“) eine allzu schlichte Einteilung der Welt in Gut und Böse. Die Schar der Globalisierungsgegner entpuppt sich als zerstrittenes Häufchen und ihr Leithammel Heiner Matzek (Florian Panzner) als eigenwilliger Draufgänger.

Wie weit darf man gehen in seinem Protest? Welche Mittel sind erlaubt, selbst wenn es um einen vermeintlich „guten“ Zweck geht? Auch diese Fragen werden zur Diskussion gestellt. Schon bald sind die Kommissare und die Aktivisten, wenn auch auf getrennten Wegen, einem flüchtigen Söldner auf den Fersen, der mit De Mestre Geschäfte trieb. Wieder geht einiges schief: Kommissar Schenk hat sogar den nahen Tod vor Augen, und es ist, als bliebe für ihn einen Moment lang die Zeit stehen. Wie der Schock der Todesangst einen Polizeibeamten für eine Weile von den Beinen holt, wird von Dietmar Bär überzeugend gespielt. So muss es sein: Der „Tatort“ erzählt – Botschaft hin, Botschaft her – eine stimmige, spannende Geschichte.

„Tatort: Blutdiamanten“; ARD, 20 Uhr 15

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