Medien : Elisabeth Noelle-Neumann: Mitgemacht, weitergemacht

Rüdiger Strauch

Wissenschaftler haben ein geradezu zwanghaftes Bedürfnis, eine Sache von allen erdenklichen Seiten bis ins kleinste Detail zu beleuchten. Wird von Experte zu Fachmann diskutiert, dann aber - bitteschön - immer ein differenziertes Bild entwerfen! Man setzt sich schließlich äußerst ungern dem Vorwurf aus, nur einen Blickwinkel berücksichtigt zu haben.

Zur Zeit ringen deutsche Kommunikationswissenschaftler darum, sich einen umfassenden Überblick über die nationalsozialistische Vergangenheit des Fachs Publizistik zu verschaffen. Das Ziel dieser öffentlichen Diskussion, die in den Jahrzehnten seit Ende des Dritten Reichs sträflich vernachlässigt wurde, besteht darin, nichts zu vertuschen, sondern endlich öffentlich darüber zu reden. Eine Debatte als Selbstzweck also. Wie in jedem Streit von historischer Dimension werden jedoch auch Namen genannt. Persönliche Animositäten spielen dabei keine unwesentliche Rolle. Die Schelte aber wird hinter vorgehaltener Hand betrieben. Wissenschaftler sind empfindlich. Jeder weiß um die Empfindlichkeit des anderen.

Der Dortmunder Professor für Journalistik, Horst Pöttker, hat die Hand vorm Mund weggenommen und dabei womöglich den Fehler begangen, eine Frau zu sehr in den Mittelpunkt der Debatte gestellt zu haben: Elisabeth Noelle-Neumann, Ex-Kanzler Kohls Lieblings-Augurin vom Institut für Demoskopie in Allensbach und Deutschlands bekannteste Medienwissenschaftlerin. Der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Münster bescherte Pöttker damit die kleine Flamme des Feuers, das der Wissenschaft in den Augen der Öffentlichkeit so häufig fehlt. Unter dem Titel "Mitgemacht, weitergemacht, zugemacht" bezeichnet Pöttker im DGPuK-Organ Aviso die heute 85-Jährige als Schreibtischtäterin, die "der Schreckenherrschaft Legitimität verschafft" habe. Garniert mit einzelnen Beispielen aus dem NS-Journal "Das Reich", für das Noelle-Neumann zwischen 1940 und 1942 journalistisch tätig war und das immerhin eine Auflage von 1,4 Millionen erreichte, versucht Pöttker, die Verstrickungen der namhaften Publizistin in den Machtapparat der Nazis zu belegen. Die gerade erst zu Doktorwürden gelangte Noelle-Neumann schreibt dort anno 1941 beispielsweise über den vermeintlich zu starken Einfluss jüdischer Amerikaner auf die US-Medienlandschaft. Offensichtliche antisemitische Hetze indes, vergleichbar mit dem NS-Propagandablatt "Der Stürmer", sucht man vergebens.

Anlass genug hätte dies aber bieten können, die Flammen auf der DGPuK-Tagung hoch lodern zu lassen; Elisabeth Noelle-Neumann ist seit 1993 deren Ehrenvorsitzende. Doch die Podiumsdiskussion, die der braunen Vergangenheit des Fachs Publizistik gewidmet war, kann nur als verhalten bezeichnet werden. Und das hatte seine Ursache nicht im krankheitsbedingten Fernbleiben der Protagonistin Noelle-Neumann. Sie ließ über eine Mitarbeiterin ihres Instituts verlautbaren, die Publizistikwissenschaft solle "nicht als Kampfstätte missbraucht" werden. Fast alle anwesenden Wissenschaftler schienen dies als Aufforderung zu verstehen, der sie gewohnt wissenschaftlich folgten. Und das sieht dann so aus: lange genug hinterfragen, abwägen, differenzieren - und darüber fast völlig vergessen, eine Meinung zu äußern. Nicht das Schlechteste in einer Debatte, die gerade erst begonnen hat und die Selbstheilungskräfte freisetzen soll. Wenn da bloß nicht noch die Gespräche hinter vorgehaltener Hand wären.

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