Medien : Elkes Kaufbefehle

Marius Meller

KRITISCH GESEHEN

Lesen! ZDF. 2,45 Millionen Zuschauer sind für eine Literatursendung im deutschen Fernsehen eine Sensation. Mit der Premiere von „Lesen!“ übertraf Elke Heidenreich die durchschnittliche Einschaltquote des „Literarischen Quartetts“ mit Kritikerpapst Reich-Ranicki, die Ende 2001 letztmals im ZDF zu sehen war, um den satten Faktor drei. Ist man einmal streng und zieht eine Million geschätzte Harald-Schmidt- Fans ab – denn „His Schmidtness“ war der erste der Special Guests, die jeweils ein Lieblingsbuch vorstellen sollen – hatte „Lesen!“ immer noch so viele Zuschauer wie der Criticus Maximus und seine Kardinäle zu ihren besten Zeiten.

Heidenreich stellte klar, dass es in ihrer Sendung nicht um „Literaturkritik, sondern um Bücher“ gehen solle, „darauf lege ich Wert“. Was sie damit genau meint, erläuterte sie nicht – der Satz scheint widersprüchlich, da es bei Literaturkritik ja auch nur um Bücher geht. Was sie meint, ergab sich aus der Sendung. „Kritisieren“ heißt im heutigen Sprachgebrauch: Nachteile aufdecken. Während es der Tradition nach bedeutet, die Bedingungen eines Urteils zu untersuchen und zu argumentieren. Genau das tat Heidenreich nicht. Sie reihte Buchtipps aneinander, nach dem Schema: Titel nennen, Zusammenfassung geben und Attribute wie „ich war zu Tränen gerührt“, „unendlich zart und schön“ usw. hintanfügen. Das ist in der Tat keine Kritik, aber soll es eben auch nicht sein.

Viel radikaler noch als Reich-Ranicki, aber letztlich in ihrer Naivität grundsympathisch, proklamierte Heidenreich ihre absolute Autorität („Ich will, dass Sie diese Bücher kaufen!“), gab aber zu, das der geneigte User ihres Kanons kein schlechtes Gewissen haben solle, wenn er merke, dass ein Buch eben nicht zu ihm passe. Wer es abstoßend findet, dass Heidenreich das postulierte Interesse an einem empfohlenen Buch gebetsmühlenhaft mit dem Bezug zu „unseren Alltagsproblemen“ rechtfertigt, soll eben abschalten. Aber kaum einer tat das, siehe Quote.

Heidenreich ist Moralistin. Deshalb übt sie keine Kritik, sondern im Grunde therapeutische Erbauung. Aber was spricht eigentlich dagegen? War Reich-Ranicki der unfehlbare Papst der Literaturkritik, ist Elke Heidenreich der weiblichen Dalai-Lama des Buchtipps. Etwa wenn sie den moralischen Sinn von Nick McDonells Roman „Zwölf“ lokalisiert, dem Lieblingsbuch von Harald Schmidt. Sie setzt ihre Lesebrille auf und zitiert: „Alle wollen bumsen und cool sein und sportlich sein, alle wollen und wollen und wollen.“ Dann nimmt sie die Brille ab und wendet sich ans Publikum: „Das hat auch wieder mit uns allen zu tun, aber wir eben müssen alle mal Ruhe geben und aufhören zu wollen“, so Heidenreich buddhistisch. Harald Schmidt nickt ganz und gar unironisch: „Das isses.“

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