EM 2008 : Krieg der Köpfe

Unsportlicher Auftakt zur Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz: Polens Boulevardpresse entgleist vor dem Spiel gegen Deutschland. Die seriösen Blätter kritisieren die skandalösen Bilder.

Knut Krohn[Warschau],Joachim Huber
em 2008 Repro: Tsp
"Leo, gib uns ihre Köpfe." Diese monströse Montage mit Polens nationatrainer Leo Beenhakker (Mitte), Michael Ballack (links) und...Repro: Tsp

Leo Beenhakker war empört. „Das ist eine schreckliche Sache“, wetterte der holländische Trainer der polnischen Nationalmannschaft. Grund für seine verbale Blutgrätsche war die Berichterstattung in der polnischen Boulevardpresse über die EM-Begegnung am Sonntag gegen Deutschland, insbesondere die Fotomontage des Warschauer Revolverblattes „Super Express" am Mittwoch. Zu sehen ist Beenhakker, der die abgeschlagenen Köpfe von Michael Ballack und Joachim Löw in Händen hält. „Leo, bring uns ihre Köpfe!" wird daneben in großen Lettern gefordert. Chefredakteur Slawomir Jastrzebowski verteidigte das Motiv: „Das sieht brutal aus, ist aber nur eine symbolische Darstellung der Erwartungen unserer Leser.“

Geradezu harmlos neben „Super Express“ wirkte ein Titelblatt des Boulevard-Konkurrenten „Fakt“. Es zeigt eine Karikatur Ballacks, ausstaffiert mit Pickelhaube und einem Umhang der Kreuzritter. Dahinter schwingt Beenhakker drohend ein Schwert. „Leo, mach’s wie in Grunwald!" heißt es da. Diese Attacke dürfte allerdings kaum ein Deutscher verstehen. Im Jahr 1410 wurden in Masuren die Ritter von einem polnischen Heer geschlagen – in Polen bis heute ein historisches Datum, das jedes Schulkind auswendig lernen muss.

Am Donnerstag war „Super Express“ dran mit dem Griff in die historische Mottenkiste. Aus verschiedenen geschichtlichen Ereignissen, die mit polnischen Siegen endeten, soll abgeleitet werden, dass die Deutschen auch im EM-Spiel in Klagenfurt besiegt werden. Begonnen wird dabei im Jahr 972 mit der Schlacht von Cedyhia (Zehden), in der der Piastenherzog Mieszko I. die Truppen des Lausitzer Markgrafen Hodo schlugen und damit die Sicherung der Westgrenzen des polnischen Reiches erreichte. Das letzte Datum in dieser abstrusen Reihe ist das Ende des Zweiten Weltkrieges. Fazit: „Deutsche, wir werden Euch schlagen – wie immer.“ Da wollte „Fakt“ nicht zurückstehen. Der Konkurrent witterte eine österreichisch-deutsche Verschwörung: „Unsere Gegner machen keinen Hehl daraus, dass sie sich auf das Ergebnis ihres Spiels einigen könnten.“

Diese martialische Berichterstattung wird aber selbst Polen zu viel. Unter dem Titel „Angriff der Boulevardpresse – Ruhe bei den Fans" zeichnet die konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“ ein sehr realistisches Abbild der Fußballwelt in Polen. Das Ziel dieser skandalösen Bilder und dümmlichen Tiraden sei klar, ist dort zu lesen: Die Auflage solle gesteigert werden. Die Aufklärung von dieser Seite kommt reichlich überraschend, sparen die Redakteure der konservativen Zeitung in der Regel nicht mit ätzender, bisweilen überzogener Kritik an Deutschland und erinnern immer wieder daran, dass die Polen in den deutschen Medien als (Auto-)Diebe dargestellt würden. Die Erklärung für den unerwarteten Schwenk gegen den polnischen Boulevard liefert ein Kommentar: „Mit den Deutschen sollte man hart verhandeln wenn es um die Ostsee-Pipeline, die Ostpolitik oder die Darstellung von Geschichte geht. Aber um etwas dabei zu erreichen, muss man sich lange unterhalten und unsere Standpunkte erläutern – aber nicht mit primitiven Instinkten spielen."

Mit diesem Urteil befindet sich das Blatt in – ebenfalls erstaunlicher – intellektueller Nachbarschaft zur links-liberalen Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Diese Form der Kriegsaufrufe sei völlig daneben, kommentierte dort der in Polen sehr populäre Fernsehmoderator Tomasz Lis. Ob die dafür zuständigen Redakteure noch nicht bemerkt hätten, dass die Deutschen inzwischen zu „totalen Pazifisten“ geworden seien?

Marek Prawda, der polnische Botschafter in Deutschland, bezeichnete die Veröffentlichungen als „geschmacklos“. „Wir kennen dieses Ritual schon länger, es tritt immer vor wichtigen Sportveranstaltungen auf“, sagte er dem Tagesspiegel. Das habe aber mit der Stimmung unter den Fans überhaupt nichts zu tun. Es handele sich hier um den Kampf der Boulevardblätter um Aufmerksamkeit und sei nur in diesen Kategorien zu bewerten. Bevor „Fakt“ in Polen auf den Markt kam, seien Themen dieser extremen Richtung tabu gewesen, sagte Prawda.

Das Schlagzeilen-Rennen, das sich die polnischen Boulevardblätter „Fakt“ und „Super Express“ liefern“, hat viel mit dem volatilen Pressemarkt zu tun. „Fakt“, erst 2003 gegründet, ist heute mit 520 000 verkauften Exemplaren die Nummer eins, während die Auflage der 1991 erstmals erschienenen „Super Express“ von 300 000 auf 230 000 Exemplare gesunken ist. Das macht bissig. Wenn „Fakt“ von Springer Polska nationalistische Töne anschlägt, empört sich Springers „Bild“ in Deutschland. Geht auch umgekehrt.

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