Medien : Emanzipation unterm Schleier

Journalistinnen aus Afghanistan zu Besuch in Deutschland

Thomas Gehringer

Die beiden jungen Frauen tragen lange schwarze Gewänder, ihre Haare sind unter Kopftüchern verborgen. Rein äußerlich würde man sie als konservativ einschätzen. Doch sie stammen aus Afghanistan. Vor 16 Monaten durften dort Frauen weder fotografiert noch gefilmt werden. Ohne männliche Begleitung durften sie nicht mal das Haus verlassen. Jetzt sind Shekiba Adil und Merhia Aziz bis nach Deutschland gereist, zum Dortmunder Filmfestival. Und so bescheiden die beiden dort auch wirkten, sie sind die besten Beispiele dafür, dass es auch in Afghanistan ein wenig voran geht mit der Emanzipation.

Adil, 18, und Aziz, 19, arbeiten für den Fernsehsender Kabul TV. Vor der Kamera. Auf Einladung des Frauen-Filmvereins „femme totale“ sprachen sie auf dem Filmfestival auf dem Podium, gaben Interviews, wenn sie aber kurz frei hatten, schnappten sie sich ihre Kameras und drehten den Spieß um: wurden von Beobachteten zu Beobachterinnen, die ihre Reise in den Westen dokumentierten. „Ich bin Journalistin“, sagte Shekiba Adil immer wieder stolz. Dass sie diesen Beruf als persönlichen Auftrag verstehe, ihr Heimatland voranzubringen, daran ließ sie keinen Zweifel.

Aber geht es auch voran in Afghanistan? Das, was die afghanischen Frauen in Dortmund erzählten, klang ermutigend und ernüchternd zugleich. Die Schülerin Shekiba Adil und die Studentin Merhia Aziz dürfen bei Kabul TV Kindersendungen moderieren und auch Nachrichten sprechen, doch mehr ist Frauen nach einem immer noch gültigen Gesetz von 1992 nicht erlaubt. Außerdem sind beide Autorinnen des beeindruckenden Dokumentarfilms „Afghanistan unveiled“ (Afghanistan entschleiert), in dem sie die Armut auf den Dörfern zeigen, die traumatisierten Opfer des Taliban-Terrors, die Not der Frauen, die durch amerikanische Streubomben zu Witwen wurden oder noch immer von den herrschenden Mudschahedin unterdrückt werden. Aber sie zeigten auch Bilder von Gastfreundschaft, menschlicher Wärme und Lebensmut. Bilder eben, die kein westlicher Korrespondent zu liefern imstande ist, weil er es kaum wagen kann, Kabul zu verlassen.

Nur: In Afghanistan selbst kann der Film nicht gezeigt werden, schon um nicht die Sicherheit der interviewten Frauen zu gefährden. Und dann enthält er noch Szenen wie diese: Eine Frau krempelt ihr Hosenbein hoch, um zu zeigen, wie abgemagert ihr Unterschenkel aussieht. So etwas ist Kabul TV dann doch zu gewagt. Hoffentlich zeigt das ein deutscher Fernsehsender, mit Arte laufen Gespräche.

„Wichtig ist für unsere Frauen Sicherheit. Wir brauchen eine gut ausgebildete Armee“, sagt Jamila Mujahed, auch sie ist eine gestandene Journalistin, arbeitete in Kabul seit 20 Jahren für Fernsehen und Hörfunk, ausgenommen die Taliban-Zeit natürlich. Ihr Wunsch nach professionellen Soldaten klingt seltsam. Aber er belegt wohl, dass Frauen in Afghanistan ganz andere Bedürfnisse haben als in Europa. Eine Quotenregelung bei Kabul TV ist für die Frauen in den afghanischen Medien nicht das vordringliche Problem. „Für Frauen ist es nach wie vor sehr schwierig, journalistisch zu arbeiten. Sie können nicht alleine auf die Straße gehen“, sagt die Kölner Autorin Siba Shakib, die mithalf, in Kabul die Radiostation „Stimme der Freiheit“ aufzubauen.

Jamila Mujahed gibt derzeit eine Frauenzeitschrift heraus, auch das gibt es mittlerweile in Afghanistan. Sie muss allerdings mit sehr vielen Fotos und Cartoons arbeiten, denn 95 Prozent der Frauen in Afghanistan sind Analphabetinnen. So stehen Radio und Fernsehen „an erster Stelle“, wie Shekiba Adil berichtete. Doch jenseits der Städte fehlt es so ziemlich an allem, was nötig ist, um Kabul TV zu empfangen.

Am Ende wurden die Journalistinnen aus Afghanistan gefragt, was sie sich vom Westen erhoffen. „Schickt uns keine Waffen und keine Bomben“, sagte Merhia Aziz, „lieber die Parfüms aus Paris.“

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