Emigranten-Abenteuer : „Shanghai, wir kommen!“

Das Leben ist eine Baustelle – ein Arte-Film zeigt Freuden und Frust von Expatriates in Chinas Megacity. Dabei gibt es überraschende Perspektiven.

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Land des Lächelns. Auf der Baustelle arbeitet Rémy (Clément Sibony) mit der Ingenieurin Tao (Yin Hang). Er lernt die ungeschriebenen Regeln der Arbeitswelt Chinas kennen.F.: Arte
Land des Lächelns. Auf der Baustelle arbeitet Rémy (Clément Sibony) mit der Ingenieurin Tao (Yin Hang). Er lernt die...Foto: © Raspail Production

Aufgeben wäre eine Option. Rémy (Clément Sibony) müsste sich allerdings eingestehen, dass seine grandiose Erwartung, Shanghai sei das neue New York, eine große Autosuggestion war. Dort, am anderen Ende der Welt, wartet auf den vom Rauswurf bedrohten Architekten aus Paris Arbeit. Ein Konzerthaus soll fertiggebaut werden, danach winkt die Festanstellung. Seine Frau Marine (Elodie Navarrre) ist skeptisch, der gemeinsame Sohn mit im Gepäck. Die Wucht der Megacity aber, wo alles Tempo, Wandel, auch Gier und Geld ist, droht die Familie zu überrollen. Erst allmählich gibt es Anschluss zu anderen Expatriates, Restaurantbesitzer Tonio, Glücksritter Xavier (Samuel Jouy), zu Christophe (Christophe Kourotchkine) und dessen chinesischer Frau Lily (Wang Mian).

Was nach Aufstieg und Zukunft aussieht, verkehrt sich schnell ins Gegenteil. Rémy kritisiert seinen Bauherrn frank und frei, er lässt ihn das Gesicht verlieren, er hat die „Harmonie“ gestört, wie ihm sein Kollege Yu (Shao Sifan) erklärt, auch wenn diese Harmonie eine üble Lüge erfordert hätte. Der Job ist weg, zugleich dreht sich die Familienachse: Marine arbeitet erst in Tonios Restaurant, dann bei Xavier, der zum Clubmanager aufgestiegen ist, sie kommt in Kontakt mit einem Designer und wird Modeproduzentin. Sohn Alex fühlt sich sehr wohl. Und der verwirrende Taumel, in den Gewohnheiten, Gefühle, Gewissheiten via „Shanghai-Express“ geraten, macht bei den Franzosen nicht Halt, auch die Einheimischen werden erfasst.

Die Autoren Didier Lacoste und Pauline Rocafull variieren das prägende Paarmuster von Rémy/Marine in den weiteren Figuren und Biografien. „Shanghai, wir kommen!“ bekommt darüber etwas von einem Zirkelfilm, der mehrfach Antwort geben will auf die Grundfrage: Wer findet sich zurecht in dieser viel zu großen Stadt, in der man sich, seinen Partner, seinen Beruf, seine Zukunft, den Boden unter den Füßen so leicht verlieren kann? Lebensträume werden Leben oder werden sie Albträume? Heißt Mitmachen mitgemacht werden, wie viel Chance hat das Ich im globalisierten Wir?

Die Antworten fallen sehr verschieden aus; individuell groß und zugleich miniaturisiert wirken die Freuden und Frustrationen in der überdimensional fotografierten Metropole. Der Film bleibt nicht beim Emigrantenabenteuer stehen, über die „Let's face the east“-Perspektive geht der Blick in die Straßen, Wohnungen, Baustellen und Hinterhöfe der Metropole, wo das Eldorado lockt und gleich dahinter der neokapitalistische Drachen.

Das kann böse im Klischee enden. Aber da passt das Drehbuch auf, das mehr Empathie für Menschen im Zwiespalt erzeugen als mit dem Zeigefinger wedeln will, da ist Regisseur Fred Garson vor. Er hat ein feines Gefühl für Nähe und Distanz zu den Figuren, nie verliert er das Besondere eines Momentes zugunsten der großen Geste, des Überschwangs aus dem Auge. Das Zuviel, diese Floskel gibt es nur beim Glücksritter Xavier, der sich mit der Geliebten seines mächtigen Clubpartners einlässt, der nicht Achterbahn fahren, sondern gleich den Raketenstart will. Da überdreht die Dramaturgie, es macht so schnell Hopp und Hoppla, dass der im Kern konzentrierte Film einen Schluckauf bekommt.

Die 94 Filmminuten nehmen dadurch keinen fundamentalen Schaden. Sie bannen, weil die Protagonisten viel, sehr viel von diesem Hineingeworfensein in die moderne Welt berichten. Clément Sibony, Elodie Navarre, wie das übrige Ensemble halten die Figuren sehr heutig, sie passen sie in den Rahmen von Glaubwürdigkeit und Identifikation, ihre Leistung gibt dem Film eine fassbare Kraft. „Shanghai, wir kommen!“, dieser Fast-Schlachtruf ist auch ein Aufruf an den Zuschauer, sich seines Platzes und Wertes im chinesischen Zeitalter zu versichern.

„Shanghai, wir kommen!", 21 Uhr 35, Arte

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