Medien : Ende ohne Spende

Wie der niederländische BNN mit der „Nieren-Show“ alle Zuschauer foppte

Rolf Brockschmidt

„Heute ist ein besonderer Tag in der Geschichte des niederländischen Fernsehens, es geschieht etwas, was noch niemals vorher vorgekommen ist“, verkündete Moderator Patrick Lodiers am Freitagabend zu Beginn der „Großen Spendershow“ des Senders BNN. Und er behielt Recht, aber anders, als das Publikum bis dahin dachte. Die in aller Welt vorab heftig umstrittene Show entpuppte sich als Inszenierung. Die 37-jährige vermeintlich todkranke Lisa, die ihre Niere am Ende der Show einem von drei Kandidaten spenden wollte, war die Schauspielerin Leonie, die Kandidaten waren echte Patienten und eingeweiht. Als Lodiers kurz vor der dramatischen Entscheidung bekannt gab, dass alles nur eine Inszenierung war, brach im Studio donnernder Applaus aus, Erleichterung, standing ovations. „Ich wollte die Leute wachrütteln, die Politik tut nichts“ begründete Kandidatin Esther-Claire ihre Teilnahme. „Es war brillant, alle sind überrascht“ sagte Charlotte. Nur der 19jährige Arztsohn Vincent gab zu Protokoll, dass er das Ganze zunächst ganz schrecklich fand, aber letztendlich habe die Sendung doch deutlich gezeigt, was den Patienten so durch den Kopf gehe, jetzt sei auch er glücklich über die Aufmerksamkeit.

Also Endemol gut, alles gut? Der sozialdemokratische Medienminister Plasterk fand die Form der Spielshow „eine intelligente Art“, um auf den Mangel an Organspendern in den Niederlanden aufmerksam zu machen. Der Christdemokrat Joop Atsma, der vergangenen Dienstag mit seiner Frage im Parlament den Stein ins Rollen gebracht hatte, fand die Show auch nach der Sendung „geschmacklos“.

„Wir machen heute einen Patienten glücklich“, rief der Moderator zu Beginn der Show und das Publikum johlte. Betroffenheit dann, als er verkündete, dass jedes Jahr so viele Menschen sterben wie im Studio sind, etwa 200. Dann wurde Lisa mit einem Film vorgestellt, in dem sie sagte: „Ich will die Niere jemand geben, der das Leben zu schätzen weiß, der es wert ist, es geschenkt zu bekommen.“

Die drei Kandidaten wurden in kurzen Filmen vorgestellt, sie erzählten von ihren Träumen, ihrem unbedingten Lebenswillen, aber auch von ihrem Kampf mit den Widrigkeiten ihres Alltags. „Ich darf nur einen halben Liter pro Tag trinken“, sagte Charlotte. Fragwürdig waren die Spielelemente der Show, besonders die „Selektion“ der Kandidaten. Lisa musste in einer dunklen Halle aus 25 lebensgroß fotografierten Kandidaten drei auswählen. Zuerst schieden die 50 plus-Kandidaten aus, dann die Raucher und Ex-Raucher, die Kinder unter 18 Jahren, dann die Arbeitslosen und eine füllige Dame, die in ihrer Freizeit nur puzzelt und chattet, hatte bei Lisa auch keine Chance. Kommentar: „Wir haben den Menschen auf der Warteliste ein Gesicht gegeben!“ Moderator Lodiers ließ die Kandidaten gegeneinander antreten mit Fragen wie: „Würdest du die Niere von einem Serienmörder annehmen?“, „Was willst Du vor deinem Tod noch tun?“. Die Zuschauer schickten für 60 Cent SMS an den Sender, um Lisas Wahl zu beeinflussen. „Du musst entscheiden, du bestimmst über Leben und Tod“, drang der Moderator auf Lisa ein. Und nachdem Esther schon ausgeschieden war, brach Patrick Lodiers das Spiel ab: „Wir geben keine Niere weg, das geht selbst uns zu weit.“ Er forderte das Publikum auf, weiter per SMS Spenderformulare zu bestellen. Am Dienstag möge das Parlament sich endlich mit dem Spendennotstand beschäftigen. Das scheint gelungen zu sein, denn der linksliberale Abgeordnete Boris van Ham (D66) will dann von Gesundheitsminister Klink, Medienminister Plasterk und Premier Balkenende wissen, was man nun zu tun gedenke, um mehr Organspenden zu bekommen.

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