Medien : Engagiert, aber arm

Jüdischer Online-Dienst hagalil ringt um Unterstützung

Ulrike Simon

„Der größte jüdische Online-Dienst Europas steht vor dem Aus.“ – Das war 1998 im Tagesspiegel zu lesen. Die Warnung ist heute so aktuell wie damals. Der Online- Dienst hagalil.com (hebräisch für Galiläa) informiert über jüdisches Leben in Deutschland; über Religion, Bräuche, Kultur und koschere Läden, aber auch über Antisemitismus und Rechtsextremismus allgemein und im tagesaktuellen Geschehen. Monatlich klicken 320 000 Nutzer vier Millionen Seiten des Online-Diensts an. Darunter sind viele Lehrer und Schüler, aber auch andere Interessierte, Politiker und Journalisten, Juden und Nichtjuden. Es gibt sogar ein spezielles Angebot für Kinder. Die Nutzer haben außerdem die Möglichkeit, Seiten mit hetzerischen Inhalten im kaum beherrschbaren World Wide Web anzuzeigen.

Von Mitte 2002 bis Ende 2004 finanzierte sich hagalil aus Fördergeldern – im vergangenen Jahr waren es 75 000 Euro, die den Machern zur Verfügung standen. Beantragt hatte diese Fördergelder nicht hagalil, sondern der damals freundschaftlich verbundene Verein Tacheles Reden e.V. Das Geld – insgesamt 340 000 Euro für den gesamten Zeitraum 2002 bis 2004 – stammte vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das im Rahmen des Programms „Entimon“ das Bildungsprojekt „or“ (hebräisch für „Licht“) unterstützte. Nachdem nach inhaltlichen Auseinandersetzungen hagalil und Tacheles die Zusammenarbeit beendet hatten, beantragte hagalil beim Ministerium einen Trägerwechsel, um die Gelder bis zum Ende der Förderlaufzeit im September 2005 direkt zu bekommen. Dagegen sperrte sich das Ministerium. Zum einen aus formalen Gründen, sagt Catherine Mühlbach, Sprecherin des Familienministeriums. Auch inhaltliche Gründe hätten dagegen gesprochen: „Wir haben mit dem Projekt ,or’ nie explizit hagalil gefördert. Die Produktion von Beiträgen für hagalil.com war einer von vielen Bausteinen dieses Bildungsprojekts. Weitere waren die Veranstaltung von Seminaren, Vorträgen und Workshops in Schulen und anderen Bildungsträgern.“ Das heißt: Hätten die Fördergelder allein oder zum Großteil der Finanzierung von hagalil gedient, wären sie falsch verwendet worden. Das Ministerium könnte sie in diesem Fall sogar teilweise oder ganz zurückfordern.

Die Argumente des Ministeriums leuchten hagalil nicht ein. Es ist ein Streit entbrannt, und hagalil gibt sich auch nicht mit dem Hinweis zufrieden, fristgerecht für 2006 einen neuen Antrag stellen zu können. Fakt ist: hagalil fehlt jetzt das Geld, um das Online-Angebot aufrecht zu erhalten. Schon die 75 000 Euro, die im vergangenen Jahr zur Finanzierung aus dem Fördertopf verwendet wurden, reichten nicht aus, sagt David Gall, einer der Macher von hagalil. Rund 50 000 Euro zusätzlich mussten nach eigenen Angaben 2004 privat aufgetrieben werden, um allein die Prozesskosten zu begleichen, die nach einer Klagewelle rechter Gruppen aufgelaufen waren.

Kostenpflichtig wollen sie die Inhalte von hagalil.com jedenfalls nicht anbieten, damit Interessierte keine Hemmschwelle überwinden müssen, um sich über jüdisches Leben zu informieren oder sich gegen rechte Hetzseiten zu wehren. Um das zur Aufklärung und Bildung breitenwirksame Online-Angebot aufrecht zu erhalten, muss eine alternative Finanzierung gefunden werden. Sei es durch Fördergelder, Werbebanner, Sponsoring, Spenden oder Mitgliedsbeiträge.

Weitere Informationen unter

www.hagalil.com

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