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Weniger Worte, mehr Spontanes: Die Privatsender setzen weiter auf Comedy

Alva Gehrmann

Immer wieder wird vom Ende des Comedy-Booms berichtet, und doch gibt es in diesem Herbst so viele Formate wie nie zuvor. Deutschland ist im Comedyrausch. Damit füllen die Privatsender ihr Abendprogramm: Bei Pro 7 ist es der Montag, Sat 1 hat seinen „Fun Freitag“, und bei RTL verteilen sich die Shows auf den Mittwoch- und Freitagabend. Heute startet RTL seinen neuen Comedy-Freitag und setzt dabei auf Altbewährtes. „7 Tage, 7 Köpfe“ zum Beispiel. Die Show funktioniert nach dem immergleichen Muster: Bernd Stelter und Kalle Pohl lesen Witze vom Blatt ab, Gaby Köster plustert sich ein paar Mal auf, und Mike Krüger wird irgendwann auf seine Nase angesprochen. Das mögen die Zuschauer. Bloß keine Überraschungen.

Bloß keine Überraschungen? So einfach funktioniert das möglicherweise doch nicht mehr mit der TV-Comedy. Durchschnittlich vier Millionen Zuschauer sehen „7 Tage, 7 Köpfe“ (RTL, 22 Uhr 15), 2,2 Millionen schalten im Anschluss die „Freitag Nacht News“ ein. Eine Sendung, in der vermeintlich witzige News vorgelesen werden und es eine Rubrik namens „Onkel Bums“ gibt. Humor ist eben Geschmackssache, RTL beliefert den biederen Geschmack.

Durchaus andere Töne schlagen neue Serien wie „Meine schönsten Jahre“ an (RTL, 21 Uhr 15; siehe Beitrag links), ein Format, das an die 80er-Jahre US-Serie „Wunderbare Jahre“ erinnert. „Meine schönsten Jahre“ ist nicht die einzige Sendung, die sich an einer ausländischen Vorlage orientiert und für den deutschen Markt adaptiert wird. „Ladykracher“ zum Beispiel beruht auf dem Vorbild der britischen Sketch-Show „Smack the Pony“. Auch „Stromberg“, eine neue Comedy-Serie, die am 11. Oktober bei Pro 7 startet, hat eine ausländische Vorlage: die BBC-Serie „The Office“.

In Großbritannien ist die Serie Kult, dann kann sie so verkehrt für Deutschland nicht sein, dachte sich Brainpool. Die Kölner Firma, die unter anderem „TV total“ und „Anke Late Night“ produziert, setzt auf Christoph Maria Herbst. Der Schauspieler gilt seit einiger Zeit als das neue Comedy-Talent. Martin Keß, Produzent von Brainpool, sagt: „Er ist einfach ein ‚funny bones’ – in jeder seiner Bewegungen ist Herbst witzig.“ Neben der Adaption von ausländischen Formaten sind derzeit in der Comedy-Branche vor allem spontane, einfache Formate im Trend. Der Erfolg von „Genial daneben“ zeigte, dass es nicht immer komplizierter Konzepte bedarf. Hugo Egon Balder stellt fünf Comedians absurde Fragen, darunter Cordula Stratmann. Inzwischen hat Stratmann ihre eigene Show. Die „Schillerstraße“ (Sat1, 22Uhr15) lebt von der Improvisationskunst. Jede Woche bekommt sie in ihrer TV-Wohnung Besuch von ein paar Comedians. Es gibt kein Drehbuch, die Grundhandlung ist vorgegeben. Der Rest wird improvisiert. Das Prinzip kennt man aus dem Improvisationstheater, im TV ist es eine Neuheit.

Auch in anderen Shows werden klassische Bühnenelemente ins Fernsehen gebracht – im Quatsch Comedy Club (Pro 7) und in der Show „Wenn Sie lachen, ist es Oschmann“ (Sat 1, 23 Uhr 15). Ein Mann, eine leere Bühne, ein paar Zaubertricks und sein Stand-up – das ist das Konzept von Ingo Oschmanns eigener Show. Am Tag, bevor sie aufgezeichnet wird, testet der Comedian seine Gags in der Berliner Kneipe „Rickenbacker’s“. Die zweite Staffel läuft gerade. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Sender müssen sparen, da werden Formate schnell abgesägt. Die Zeiten, in denen Shows langsam aufgebaut wurden – wie „Die Wochenshow“ und die „Bullyparade“ – und trotz schlechter Quoten über zwei Jahre weiterlaufen konnten, bevor sie erfolgreich wurden, sind vorbei.

Das Gute an den Spontan-TV-Formaten ist, dass sie günstig produziert werden können. Ein Trend entsteht – durch die wirtschaftliche Situation der TV-Sender. „Jeder funktionierende Trend wird aber so lange von Produktionsfirmen und Sendern ausgelutscht, bis man es nicht mehr sehen kann“, sagt Chris Geletneky, Chefautor von „Anke Late Night“. Erfolgreich bleiben Sketch-Shows nur mit guten Protagonisten oder einem anderen Blickwinkel. Ein Beispiel dafür ist Bastian Pastewkas Serie „Ohne Worte“ (RTL, 21Uhr45), in der er, ohne zu sprechen Kleinstkatastrophen durchlebt. Bekannt geworden ist Pastewka durch die „Wochenshow“. Mit Ensemble-Shows wie auch „RTL Samstag Nacht“ fing der Comedy-Boom in den 90er Jahren an. Doch heute würde das Genre so nicht mehr funktionieren – es ist alles erzählt.

Die Comedy ist schneller geworden, der Geschmack ändert sich. Und doch gibt es auch Klassiker. Der größte Komiker ist für Hugo Egon Balder immer noch Heinz Erhardt. Welches Format er ihm heute geben würde? „Natürlich eine One-Man-Show.“

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