Medien : Enie und die E-Musik

Eine Ex-Viva-Moderatorin, ein nacktes Streichquartett – was sich das Fernsehen einfallen lässt, um die Klassik zu retten

Frederik Hanssen

Sie hat sich den Preis wahrlich verdient – und zwar doppelt: Wenn Anneliese Rothenberger heute den „Echo Klassik“ für ihr Lebenswerk erhält, dann wird damit nicht nur eine der besten deutschen Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts geehrt, sondern auch eine Pionierin der Populärklassik. Anders als viele ihrer Kolleginnen trennte die Sängerin nie zwischen so genannter U- und E-Musik, trat ebenso gerne in Opern wie in Operetten auf und war sich keineswegs zu schade, im Fernsehen für ihre Kunstgattung zu werben. Genau dieses Ziel verfolgt auch die Deutsche Phono-Akademie mit dem „Echo“. Vor zehn Jahren hat die Lobby der Schallplattenproduzenten die Auszeichnung erfunden, um die „Popularisierung der klassischen Musik auf höchstem künstlerischem Niveau“ voranzutreiben. Darum werden neben den interpretatorischen Leistungen auch das „öffentlicher Wirken“ der Künstler bewertet.

Und da kann Frau Rothenberger die volle Punktzahl für sich verbuchen. Als unermüdliche Botschafterin der vermeintlichen Elitekunst hat sie schon vor Jahrzehnten die Leute dort abgeholt, wo sie saßen: nämlich vor der Mattscheibe. Ging es einst darum, jene zu erreichen, die sich Konzerte und Opern nicht leisten konnten, steht heute der Volksbildungsanspruch kaum noch im Mittelpunkt – inzwischen geht es für die Hochkulturinstitutionen ums schiere Überleben. Das Stammpublikum der Orchester und Musiktheater vergreist zusehends, und Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Wie aber soll ein junger Mensch, der nie ein Theater oder einen Konzertsaal von innen gesehen hat, für das Genre begeistert werden? Zum Beispiel, in dem er im Fernsehen sieht, wie locker und unernst es bei der E-Musik zugehen kann! Davon jedenfalls ist das ZDF als Marktführer in Sachen TV-Klassik („Klassisch!“ mit Senta Berger, Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker) überzeugt. Dass die Deutsche Phono-Akademie für ihre „Echo“-Gala das Zweite Programm als Partner ins Boot holen konnte, hat dem Preis überhaupt erst seinen Wert gegeben: Ohne die Aufzeichnung wäre die undotierte Auszeichnung eine reine Ehrensache. Die zeitversetzte Übertragung der Preisträger-Gala heute um 22 Uhr aus dem neuen Konzerthaus Dortmund dürfte sich für manchen der Preisgekrönten zeitversetzt auszahlen: Indem er mehr CDs verkauft. Für diese Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit bedankt sich die Phono-Akademie dann auch mit zwei Sitzen für ZDF-Vertreter in der 14-köpfigen „Echo Klassik“-Jury.

Womit nichts gegen das Zweite gesagt sein soll. Denn der Sender aus Mainz meint es offensichtlich ernst mit der heiklen Hochkulturvermittlung: Während die ARD den Start ihrer sonntäglichen Kulturmagazine ab Mitte November zugunsten der „Tagesthemen“ auf 23 Uhr verschieben will, rückt das ZDF zeitgleich sogar eine neue Klassik-Sendung ins Programm. „Sunday Night Classics“ lautet der ziemlich modische Titel der Show, die am 16. November erstmals ausgestrahlt wird – die Zeiten, in denen solche Sendungen schlicht „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“ genannt werden durften, sind leider vorbei. Und natürlich geht es auch nicht mehr ins „Traumland Operette“ (wie die andere berühmte Rothenberger-Serie hieß). Was den TV-Produzenten der Sechziger die Operette, ist den Medienmachern von heute das Marktsegment Cross-Over: kleinstes gemeinsames Vielfaches, um die Massen zu erreichen. Denn das Strickmuster bleibt immer gleich. Als Lockvogel dient ein prominentes Gesicht, die Gäste mixt man aus Establishment und Newcomern. Bei den „Sunday Night Classics“ treten also Pavarotti und der J. S. Bach-Fan Sting auf, aber auch die amerikanische Opernsängerin Renée Fleming, Juliette Greco sowie ein Damen- Streichquartett namens „Bond“, das seiner Plattenfirma schon mal anbietet, splitternackt fürs CD-Cover zu posieren. Und weil die avisierte Zielgruppe altersmäßig deutlich unterhalb der normalen ZDF- Fangemeinde liegen soll, präsentieren die 29-jährige Videoclip-Ansagerin Enie van de Mejklokjes und der ebenso junge Boulevardmagazin-Moderator Marco Schreyl die neue Show – Gesichter, die die Kids kennen. Dass beide keine Klassikspezialisten sind, könnte sich sogar als Vorteil entpuppen – wenn sie für das ebenso ahnungslose Publikum eben darum zu Identifikationsfiguren werden.

Am heutigen Sonntag darf Fräulein van de Mejklokjes schon mal üben: Zusammen mit Marco Schreyl ist sie nämlich von Senta Berger, die die „Echo- Klassik“-Gala moderiert, als Laudatorin eingeladen. Als weitere Redner sind unter anderem Reinhard Mey, Thomas Stein und Barbara Schöneberger angekündigt. 51 Preisträger in 22 Kategorien gilt es zu würdigen, nur 17 von ihnen kommen allerdings persönlich, um die Trophäe in Empfang zu nehmen, darunter der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der Tenor Salvatore Licitra, der Cellist Mischa Maisky und die Klarinettistin Sabine Meyer. Natürlich wird auch Anneliese Rothenberger da sein – und der Bundespräsident. Bei dieser Kulturveranstaltung ist Johannes Rau ausnahmsweise kein Grußwortsprecher: Sein Engagement für die Musikerziehung der Jüngsten wird mit einem „Echo“-Sonderpreis belohnt.

Dass die Gala mehr ist als eine Verkaufsveranstaltung für den drittgrößten Tonträgermarkt der Welt, betonen alle Beteiligten mit Engelsgeduld. Anders als beim Popmusik-„Echo“, wo tatsächlich jene Interpreten belohnt werden, die am meisten CDs verkauft haben, geht es hier nicht um Quantität, erklärt Jury-Mitglied Franz Xaver Ohnesorg. „Da werden flammende Plädoyers für Nachwuchstalente gehalten, da verteidigt jeder Fachmann seine Liebslingskünstler“, berichtet der ehemalige Intendant der Berliner Philharmoniker. Den „Echo“ sieht Ohnesorg als „Orientierungshilfe“ für alle, die der Klassik schon eine „latente Aufmerksamkeit“ schenken, sich aber im unübersichtlichen Angebot noch nicht selber zurechtfinden. „Wir müssen in Prozessen denken, bei denen am Anfang der Genuss der leichten Kost steht, aus dem sich im Idealfall irgendwann auch die Freude am Komplexen entwickelt.“ Mit der Klassikvermittlung verhalte es sich nun einmal wie mit der Liebe: „Es geht um die Kunst der Verführung“.

„Echo der Stars“: 22 Uhr, ZDF

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