Medien : Entseelte Boygroup

Die ZDF-Mainzelmännchen müssen jetzt „fitter, frecher, schlanker“ sein

Thilo Wydra

Wir sind mit ihnen groß geworden, und wenn es im Nebenzimmer „Gud´n Aaamd!" schallte, wusste man, welcher Sender lief: das ZDF und seine Mainzelmännchen. Der Zuschauer wusste, wo er war. Das war wie ein Stück Heimat. Ein Zuhause-Gefühl mit Wiedererkennungseffekt. Im Laufe der Jahre wurden sie Kult. Und, seien wir ehrlich, die Mainzelmännchen spiegelten auch den Deutschen wieder: Emsig, fleißig, nett, irgendwie seltsam bieder und altbacken wirkend.

Am 1. April 1963 ging das ZDF auf Sendung, und da das ein Sonntag war und nur unter der Woche Werbung lief, hatten die kleinen, von Wolf Gerlach kreierten Figuren ihre deutsche Fernsehpremiere am Montag, den 2. April 1963. In Wiesbaden, wo das ZDF seinerzeit noch saß, wurden die Mainzelmännchen erschaffen, bis 1967 wuselten sie schwarzweiß über die Mattscheibe, mit der Einführung des Farbfernsehens erhielten sie ihren ersten farbigen Look. Von 1967 bis 1990 blieb das Sextett von Anton, Berti, Conni, Edi, Fritzchen und Det, dem Chef der Truppe, weitgehend dem eingeführten Stil treu. Dann, 1990, kam der erste Relaunch. Die Männlein wurden leicht modernisiert, und alle haben’s verkraftet.

Nun, im 40. Jubiläumsjahr des ZDF, nachdem der Relaunch der ganzen Optik längst vollzogen ist und alles in frischem Orange erstrahlt, nun wird den Mainzelmännchen ein überzogener Jugendlichkeitswahn aufgezwungen, um mehr jüngeres Publikum an den Sender zu binden – was freilich die entgegengesetzte Wirkung mit sich bringt: Das angestammte ZDF-Publikum ist die Gruppe der 49-Jährigen und aufwärts, die das Zweite einschalten, da dessen Stärke in den vergangenen Jahren ein solides Qualitätsfernsehen war.

Die werberelevante Gruppe der 14- bis 49-Jährigen sieht ohnehin die Privaten und MTV und Viva, die werden auch jetzt nicht, wo das ZDF angestrengt auf jung, frisch und dynamisch getrimmt wird, dort einschalten. Die niedrigen Quoten etwa der Barbara-Schöneberger-Show haben es gezeigt, und die Sendung, im Dezember 2002 in München erst aus der Taufe gehoben, ist bereits abgesetzt. Die Mainzer befinden sich mit ihrer artifiziellen Verjüngungskur derzeit auf einem durchaus heiklen Weg weg von ihrer Qualität, ihren Stärken und ihrem Stammpublikum.

Und, um diesen gewiss falschen Weg zu verfestigen, hat es nun auch noch die armen Mainzelmännchen erwischt: Die laut ZDF-Ansage „dritte Generation" wird nun die Bildschirme bevölkern, „fitter, frecher und schlanker" im Zeitgeist-Look des neuen Jahrtausends. Na bitte! Und so sehen sie nach der verordneten Frischzellenkur auch aus: Konturlos, austauschbar, glatt, nicht mehr so süß und einprägsam, so traditionell und charaktervoll. Wie eine verquaste Mischung aus Japan-Mangas und Comic-Heidis. Entseelt! Und sind die Mainzelmännchen im Werbebusiness, im Werbefernsehen nicht ohnehin obsolet geworden? Nur weil die Mainzelmännchen so schrecklich jung geworden sind, sind die bevorzugt angepriesenen Knoblauchpillen, Rezepturen und Wässerchen noch immer für die ältere Generation gedacht.

Dies alles war zu spüren, als jetzt die sechs neuen Figuren in München in einem großen Showact in der „Badeanstalt" an der Leopoldstraße in München mit viel Tamtam und Brimborium präsentiert wurden. Das war modern, cool-kalt, und fast wie bei Viva. Und, natütlich, Barbara Schöneberger, die junge Auftrags-Quotenfrau des Zweiten, sie war auch da, moderierte den Abend, salopp-schnoddrig wie immer. Nur keiner wollte so richtig lachen.

Was machen wir jetzt mit all den ZDF-Geschenklein, der Mainzelmännchen-Mütze, den Badeschlappen in Orange, der CD mit der Weihnachtsballade „Christmas Time" der Mainzer Boygroup, die zu Weihnachten mitsamt großflächiger Plakataktion („Gud’n Heiligaaamd!") auf die Menschheit losgelassen werden? Ach, was waren das noch für ZDF-Zeiten, damals mit der „Derrick"-Melodie und einem verschmitzten „Gud’n Aaamd!" kurz davor …!

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