Medien : Episode 1

Der Zweiteiler „Hitler – Aufstieg des Bösen“ liefert die Vorgeschichte zum Kinofilm „Der Untergang“

Markus Ehrenberg

Hitler im Film? Nein, nicht schon wieder. Darüber ist doch schon so viel gesagt, geschrieben und gemeint worden. Und jetzt auch noch als Fernsehereignis der Woche? Vielleicht doch, denn in diesem Film wird er noch „Herr Hitler“ genannt oder gar „Adi“. Das irritiert schon mal. Es geht um „Hitler - Aufstieg des Bösen“, ein junger Mann auf seinem Weg an die Macht. Und es geht um einen bemerkenswerten Sendercoup: Der Film läuft nicht auf Arte oder 3sat, sondern zur Primetime beim „Big-Brother“-Kanal RTL 2, in zwei Teilen am Wochenende, passend zu Bernd Eichingers Kino-Epos „Der Untergang“ – welches das Ende des Herrn Hitler zeigt.

Jetzt also zurück. Zum Anfang. Irgendwoher muss Hitlers bizarre Rassenlehre ja kommen. Welche Erlebnisse machten Hitler zu dem Menschen, der er war? Wie konnte ein zutiefst gestörter Mann in eine solche Machtposition gelangen? Es gibt ein gutes Dutzend bekannter Filme über Hitler im Dritten Reich, aber wenige über die – kaum dokumentierte – Zeit davor. Und es sind schon einige Regisseure daran gescheitert, diese Leerstellen auszufüllen, ohne Hitler allzu sympathisch, überhöht oder cartoonesk erscheinen zu lassen. Am besten geht das wohl noch dokumentarisch, so 1969 Joachim Fest in „Adolf Hitler – Versuch eines Porträts“ oder 1977 Hans-Jürgen Syberberg in der siebenstündigen Doku „Hitler – ein Film aus Deutschland“.

Aber als Fiktion, als Spielfilm? Die Darsteller aus „Der Untergang“, allen voran Bruno Ganz, haben viel von ihren Bedenken erzählt. In „Hitler – Aufstieg des Bösen“ wagt es der britische Kinostar Robert Carlyle, 43, bekannt aus „Trainspotting“ oder als Gegenspieler von James Bond in „Die Welt ist nicht genug“. Nun: Hitler als Identifikationsfigur. Carlyle hatte ähnliche Skrupel wie Ganz. „Es gibt sicherlich Menschen, die sich aufregen, dass dieser Film produziert wird, die besorgt sind, dass wir Hitler menschlicher wirken lassen.“ Das gilt auch für Friedrich von Thun, der den in Hitlers Aufstieg verwickelten General Ludendorff spielt. „Ich hatte schon Angst davor, dass Sympathien und Verständnis für Hitler geweckt werden. Ich konnte mir anfangs nicht vorstellen, dass man als Zuschauer nicht doch Gefühle für die dargestellten Personen entwickelt, am Ende sogar Mitleid mit Adolf Hitler empfindet.“

Eine Gratwanderung. Wie schwer es solche Filme haben, beweist der US-Streifen „Max“ mit John Cusack, der vor zwei Jahren auf dem „Toronto Film Festival“ vorgestellt wurde aber nie in deutsche Kinos kam. Darin trifft ein jüdischer Kunsthändler auf den jungen Hitler und versucht, ihn mit Hilfe der Kunst von seinen politischen Ideen abzubringen. Die Macher erzählten, wie unmöglich es war, Gelder zu bekommen, gerade aus Europa. Hitler allzumenschlich? Damit wollte keiner was zu tun haben.

Beim „Aufstieg des Bösen“ hat erst ein Gespräch mit Regisseur Christian Duguay von Thuns Bedenken ausräumen können. Leider fiel dessen Konzept der Schere zum Opfer. Hitlers Kindheit kommt zu kurz. Darüber hinaus sind der in Prag gedrehten CBS-Produktion reißerische Bilder und manche Plattheit zur Psychologie des Bösen durchgegangen. Hitlers Vater ein strenger Zollbeamter, dann immer dieses „Adi“, so wurde Hitler von seinen Verwandten und Jugendfreunden genannt, der Krebstod der Mutter, die Ablehnung durch die Wiener Kunstakademie, der freiwillige 25-jährige Infanterist, verwundet im Ersten Weltkrieg, das Nachkriegs-München, die Obsession zur Nichte Geli, erste belächelte Auftritte bei der Deutschen Arbeiter Partei (DAP), der Putschversuch, das Gefängnis, wo „Mein Kampf“ entsteht, der Parteivorsitz, der Aufstieg zum Reichskanzler an Hindenburg (Peter O’Toole) vorbei. 1934 endet der Film. Und der private Mensch? Der böse Herr Hitler? Geht nicht über Banales, Bekanntes hinaus. Mag keine Schnittblumen, offenbar auch keinen Sex, dafür Wagner und Kuchen. Geli und Eva Braun – zwei Küsse in 180 Minuten Biografie. Zwei Küsse in 44 Lebensjahren. Zwei Küsse. Das war Herr Hitler.

Trotzdem: Eichingers Kino-Film „Der Untergang“ wurde vorgeworfen, dass sein Menschlich-Böses auf der Leinwand flach und harmlos wirke. Vielleicht ist ein TV-Mehrteiler der bessere Ort dafür. So wie 1979 die US-Produktion „Holocaust“, wo erstmals Geschichte und Gefühl zum Thema zusammengebracht wurden. Die Fiktion ging auf, weitestgehend. Dass „Hitler – Aufstieg des Bösen“ ein Fernseherereignis ist, liegt aber nicht nur an sieben „Emmy“-Nominierungen und am direkten Vergleich mit dem „Untergang“, sondern vor allem an Robert Carlyle, seiner Vorliebe für „Helden“, die mit ihren Gefühlen und den Regeln der Gesellschaft nicht zurechtkommen.

In Carlyles nervös-flackernder Mimik ist alles angelegt, was bei Bruno Ganz zusammenbricht. Carlyles schottisches rollendes „R“ sei dem Original nahe gekommen, sagt Friedrich von Thun. Das hört man bei RTL2 leider nicht. Aber man sieht. Das Hochgreifen, Fallenlassen und Nachvornefassen der Fäuste, als hole sich der Redner die Ideen aus der Luft. Die unterdrückte Wut, das Hüsteln in die Hand. „Hitlers Ausbrüche sind alle nach außen gerichtet, es gibt nicht viel, das von innen kommt.“ Carlyle wollte einen Menschen darstellen, der „ein leeres Individuum“ ist. Um so erschreckender, dass Millionen Menschen auf diese Leere reingefallen sind. Und um so wichtiger, dass dieser in den USA viel diskutierte Film jetzt auch bei uns gezeigt wird, nach den Wahlerfolgen von NPD und DVU.

„Hitler – Aufstieg des Bösen“, Freitag und Samstag, RTL 2, 20 Uhr 15

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