Medien : Er genügt sich selbst

Harald Martenstein

Der Schauspieler Tom Hanks ist wirklich sehr gut. Als Tom Hanks vor einigen Jahren den einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes zu spielen hatte, der auf einer Insel sein einsames Leben fristet, da haben ihm seine Arbeitgeber trotzdem nicht vertraut. Der Mann muss doch einen Dialogpartner haben, sonst wird es langweilig! Also hat der Drehbuchautor sich ausgedacht, dass Tom Hanks einem Basketball ein Gesicht aufmalt und sich jahrelang mit dem allmählich vergammelnden Basketball unterhält, zum Teil auf hohem geistigem Niveau. Diese Idee ist damals von der Kritik als wenig glaubwürdig gegeißelt worden. Aber der Film war ein Erfolg. Ist Marcel Reich-Ranicki besser als Tom Hanks? Auf diese Frage läuft es bei Reich-Ranickis Solo-Show hinaus.

Man sieht einen alten Herrn, der alleine auf einem Podest sitzt wie Hanks auf seiner Insel und 30 Minuten lang im Zustande höchster Erregung redet, wobei er heftig mit seinem Zeigefinger fuchtelt und in regelmäßigen Abständen das Wort "fabelhaft" ausstößt. Im Saal befindet sich Publikum. Das Publikum hört zu. Wird es langweilig? Nein. Erstaunlicherweise funktioniert es.

Reich-Ranicki spricht mit großem Respekt über seinen alten Erzfeind Grass (der neue Grass, ein fabelhaftes Buch!), über den amerikanischen Autor Philip Roth, über die neue Konjunktur der Dichterfamilie Mann, über Mozart und Beethoven und Kerr und andere Dinge. Dabei verreißt er nicht einmal, nein, an diesem Abend lobt er und lobt und lobt. Reich-Ranickis Wirkung beruht zu einem großen Teil auf der Rhetorik einer alten, halb vergessenen, oft unterschätzten Kunst, die er bis in die letzten Nuancen beherrscht ö Rhythmus, Modulation, Körpersprache, die richtige Mischung aus Emotion und Disziplin. Nicht, dass seine Formulierungen oder seine Ideen sonderlich brillant wären. Der Autor Reich-Ranicki ist, wenn man ihn liest, bei weitem nicht so wirkungsvoll wie der Rhetoriker.

Sonderbar: Das Fernsehen, dieses Sprachmedium, dieses Schaufenster, hat wenige Rhetoriker hervorgebracht. Andererseits ist dieser Mensch auf angenehme Weise unberechenbar. Es ist ihm offenbar gleichgültig, ob er geliebt oder gehasst wird. Fast jeder im Fernsehen biedert sich an, fast jeder will geliebt werden, Reich-Ranicki aber tut so, als sei er völlig frei, ein Geist, der sich selber genügt. Es ist eine Illusion, die große Illusion der Intellektuellen. Illusionen schaut man sich gerne an.

Das ZDF hat ein interessantes Experiment durchgeführt. Es hat das "Literarische Quartett" als Idee in seine beiden Hauptbestandteile zerlegt und zwei Sendungen daraus gemacht. Einerseits: Vier Menschen, die miteinander über alles Mögliche reden, im "Philosophischen Quartett". Andererseits: Reich- Ranicki, der über alles Mögliche redet. Sloterdijk, im "Quartett", will ein bisschen Fernsehruhm und riskiert dafür den Ruhm, den er schon hat. Die erste Runde geht an den alten Mann.

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