Medien : Erfinde dich selbst

Hobbygärtner, Putzfrauen, echte Staatsanwälte und immer wieder Heimwerker: Alltags-Dokumentationen versprechen das wahre Leben. Kein Privatsender kommt mehr ohne Doku-Soap aus, und die Öffentlich-Rechtlichen ziehen nach. Ein TV-Tagebuch

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Serien aus dem prallen Leben – das Fernsehen ringt dem Alltag immer neue Unterhaltungsformate ab. „DokuSoaps“, wohin das Auge blickt. Doch die meisten sind entweder Etikettenschwindel und dokumentieren nur Fernseh-Inszenierungen, oder sie sind zur billigen Masche und Eigenwerbung verkommen. Ein persönliches Tagebuch von Thomas Gehringer:

Samstag, „Familie Wurst“: Muss man gesehen haben. Zumindest den Vorspann. Alle Protagonisten – haha, diese Namen – werden nacheinander vorgestellt: Nur „Oma“ heißt nicht Wurst. Aber schließlich ist das keine Metzger-Serie, sondern eine Promotion-Aktion von Sat 1 in eigener Sache und für den drittplatzierten „Star-Search“-Sänger Michael Wurst. Der heimliche Star ist die Oma als uriger Ruhrgebietstyp.

Samstag, „Die Autohändler“: Muss das sein, RTL? Wer will Typen wie Dragan und Jörg sehen, die andere Leute beim Autokauf abzocken, dabei unflätig fluchen und auf den Boden spucken? Als Kontrast zeigt RTL einen smarten Außendienstverkäufer und als Steigerung einen Händler von Luxusautos. Da ist alles drin, bis zum 130 000 Euro teuren Ferrari und der glücklichen Ehefrau. Ein schöner Moment der Wahrheit.

Sonntag, „Deutschland, deine Hobbygärtner“: „Team gelb“ und „Team rot“ wildern für RTL 2 in Nachbars Garten. Tempo, Tempo, euer Beet soll schöner werden. Was passiert, lässt sich kaum nachvollziehen. Und aus Furcht vorm Wegzappen wird ein Lärmteppich aus Musikfetzen und unsinnigen Kommentaren ausgebreitet. Einen Augenblick Stille erträgt diese Sorte Privatfernsehen nicht.

Montag, „Die Casting-Agentur“: Pro 7 reitet preisgünstig auf der Casting-Welle mit, indem es die Arbeit einer Agentur im Ruhrgebiet begleitet. Diesmal werden Tänzerinnen für eine Boygroup gesucht. Und ausgerechnet Doro, gestern noch selbst Agentur-Praktikantin und die Ahnungslosigkeit in Person, führt die Bewerbungsgespräche mit ihren potenziellen Nachfolgern. Sehr aufschlussreich, wie da gestümpert wird.

Montag, „Do It Yourself – S.O.S.“: Pro-7- Moderator Matthias Matuschik trägt ein lustiges T-Shirt mit verbundenem Daumen. Sein Team baut bei einer Familie im Rheinland zwei Gartendächer. Komisch nur, dass bei diesen Handwerkern alles glatt geht. Das Ganze ist ebenso wenig eine Dokusoap wie die „Hobbygärtner“.

Montag, „Achtung, Falschparker“: RTL 2 auf Knöllchen-Streifzug. Natürlich macht der eine oder andere Parksünder Theater – na und? In Dresden trägt Steffen vom Ordnungsamt ein Käppi und ist auf sich allein gestellt, in Hamburg tritt die zweiköpfige „Verkehrsstaffel“ martialisch in Polizei-Uniform auf – und parkt selbst falsch, als sie eine Straße für einen Staatsbesuch frei sperren soll. Ein komischer Augenblick in fast 60 Minuten Langeweile.

Montag, „Ärger im Revier“: RTL 2 zeigt Polizeialltag, direkt und sensationsheischend. Latente Gewalt und zermürbende Diskussionen der Bielefelder Streifenpolizisten mit Betrunkenen, Ruhestörern, Schlägern. Die meisten Beteiligten bleiben anonym, aber das Elend sozialer Brennpunkte zieht wie in einer kriminalistischen Nummernrevue vorbei. Und an den Polizisten selbst zeigt die Dokusoap kein Interesse, außer an ihren vermeintlich coolen Kommentaren („schimpfen tun die alle, die Südländer“). Hauptsache, Action.

Dienstag, „Die Teenie-Mama“: Vor zwei Jahren brachte Daniela, damals 13, eine Tochter zur Welt. Heute zeigt die Pro-7-Dokusoap, wie beide in der Pro-7-Talkshow „Arabella“ auftreten. Daniela „ist ein kleiner Medienstar, dennoch ist sie normal geblieben“, flötet es aus dem Off. Himmel, hilf! Zur gleichen Zeit bekommt Freundin Saskia, 16, ihr Kind. Die Kamera ist bei der Geburt dabei, und die Pro-7-Zielgruppe lernt immerhin, dass es irgendwie weh tut. Und dass man damit ins Fernsehen kommen kann.

Dienstag, „M2A“: Acht Frauen und Männer aus acht Ländern werden von Eurosport bei ihrer Olympiavorbereitung beobachtet. Eine hübsche Idee. Doch die Mischung aus Sport und Homestory bleibt ohne erkennbare Dramaturgie, ist lieblos und mit lärmender Musik inszeniert. Am Ende wirft die polnische Gewichtheberin Agata Wrobel lässig mit der 25-Kilo-Scheibe um sich. Klasse! Aber woher wohl all die Muskeln kommen? Ein völlig unkritischer Bilderreigen.

Mittwoch, „K11 – Kommissare im Einsatz“: Eine von drei „Real people DokuSoaps“ von Sat 1. Mit echten Kommissaren, einem echten Staatsanwalt und einer echt dünnen Story. So dünn, dass nach dem ersten Werbeblock eine etwa eine Minute dauernde Szene komplett wiederholt wird. Das hat allerdings den Vorteil, dass die nackte Komparsin in der Badewanne gleich zweimal gezeigt werden kann. Überhaupt sind am Sat-1-Vorabend vorzugsweise hübsche junge Frauen das Opfer. Das scheint sich als Werberahmenprogramm zu rechnen.

Donnerstag, „Die Putzteufel“: Rita, 48, und Christel, 66, sind die Putzkolonne des sauberen Senders RTL 2. Naja, nicht wirklich. Am Anfang wird etwas verschämt eine Hand voll Mitarbeiter gezeigt, die wohl eigentlich den Lappen schwingen. Und ist der Schmutz nur hübsch arrangiert? Wahrscheinlich. Wenn’s wenigstens unterhaltsam wäre. In Erinnerung bleiben nur einige ungewöhnliche Putztipps: Mit Bananenschalen Pflanzenblätter entstauben, alle Achtung!

Donnerstag, „Zimmer fertig“: Fliegender Wechsel zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Auch der WDR probiert’s mit Handwerkern. Während Tochter Luam angeblich ahnungslos auf der Ostsee segelt, wird ihr Zimmer daheim im indischen Stil umgebaut. Ein ähnlich gewagtes Konzept wie das Umgraben von Nachbars Garten. Immerhin wird die Aktion ruhiger erzählt als bei den Privaten. Eine um Nuancen ansehnlichere Kopie.

Donnerstag, „Die Hammer Soap“: Deutschland, einig Volk von Heimwerkern. Hier tummelt sich RTL 2 gleich auf mehreren privaten Baustellen, um sich an den diversen Pannen und Streitereien von Hinz und Kunz zu ergötzen. Manchmal kann es der Kommentator kaum erwarten: „Cordula hat sich vermessen. Gleich wird sie es merken“, freut sich die Stimme aus dem Off. Ich kann in den nächsten Tagen jedenfalls keine Handwerker mehr sehen.

Freitag, „Lenßen & Partner“: Dieser Fall von Zwirbelbart-Detektiv Lenßen heißt „Halloween des Grauens“. Wie wahr, Sat 1. Nicht überraschend: Es geht mal wieder um eine Vergewaltigung. Ein schauderhaft gespielter, simpler Fall, der sich „stark an den realen Aufgaben von Privatermittlern“ orientiert, behauptet der Sender. Soll heißen: Was die Autoren zusammenflunkern, kann gar nicht erfunden sein, weil ja in der Realität auch die absurdesten Dinge passieren. So wird aus Fiction Doku. Was bleibt, ist ein billiges Täuschungsmanöver. Eine Art Versteckspiel mit dem Publikum. Doch Mitspielen ist ja keine Pflicht. Ein Tastendruck genügt.

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