ERICH BÖHME : Abschied vom Vorbild

Bei der Trauerfeier für Erich Böhme würdigt Joschka Fischer den leidenschaftlichen Journalisten

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Markenzeichen. Ein Foto von Erich Böhme steht neben seinem Sarg. Foto: dpadpa

Die knarzige Stimme des Ex-Bundesaußenministers und Ex-Grünen-Chefs Joschka Fischer bebte leicht, als er am Montagmittag in der Berliner Gedächtniskirche ans Mikrofon trat und sich von Erich Böhme verabschiedete. „Er war ein warmherziger Mensch und wunderbarer Freund“, sagte Fischer über den ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur und Talkshowmoderator Böhme, der am 27. November nach schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren gestorben war.

Zur Trauerfeier in die Gedächtniskirche waren neben Böhmes Familie auch Freunde aus Politik und Medien gekommen, darunter Publizist Peter Scholl-Latour, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, Moderatorin Sandra Maischberger, und Ex-Bundesinnenminister Otto Schily. In Gedenkreden erinnerten Fischer und „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo an Böhmes Leben.

Fischer sagte, er habe sich gerne mit Böhme auf eine Flasche guten Bordeaux getroffen und über Geschichte und Politik diskutiert. Böhme habe ihm von seinen Erinnerungen als Achtjähriger an die Reichskristallnacht 1938 in Frankfurt am Main erzählt. Nach dem Ende des Nationalsozialismus sei das „Nie wieder“ zum kategorischen Imperativ von Böhmes Leben geworden. „Er war ein leidenschaftlicher Demokrat, aber ein noch leidenschaftlicherer Journalist“, sagte Fischer. Journalismus habe für ihn die Verteidigung der Demokratie bedeutet. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich gewesen, dass Böhme 1973 Chefredakteur des „Spiegel“ wurde, des „damaligen Sturmgeschützes der Demokratie“.

17 Jahre lang hatte Böhme an der Spitze des Magazins gestanden. Er sei führungsstark und ideenreich gewesen, sagte „Spiegel“-Chefredakteur Mascolo in seiner Rede. Doch richtig berühmt sei Böhme erst nach seinem Abschied vom „Spiegel“ geworden, als er 1990 mit seiner Sendung „Talk im Turm“ das mittlerweile weit verbreitete Genre Talkshow in Deutschland prominent gemacht habe.

Hatte sich Böhme im „Spiegel“ skeptisch über die Wiedervereinigung geäußert, habe er später als Herausgeber der „Berliner Zeitung“ das Zusammenwachsen zu seinem eigenen Projekt gemacht. Auch privat. Die Liebe zu seiner Frau, der früheren DDR-Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf, habe er seine „ganz persönliche Wiedervereinigung“ genannt, sagte Mascolo. Als Journalist arbeitete Böhme bis zum Schluss, sein letzter Artikel erschien einen Tag nach seinem Tod in der „Sächsischen Zeitung“. Böhmes „Lebensleistung ist Ansporn“, sagte Mascolo. „Er selbst bleibt Vorbild.“ sop

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