Erika und Klaus Mann als Reiseschriftsteller : Jenseits vom Baedeker

Eine Arte-Doku zeichnet die Cote-d'Azur-Reise der Geschwister Erika und Klaus Mann im Jahr 1931 nach.

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Die Geschwister Klaus und Erika Mann im Jahr 1930
Die Geschwister Klaus und Erika Mann im Jahr 1930Foto: Arte/picture alliance

In ihrem offenen Ford reisen sie im Sommer 1931 an der Küste entlang. Die Sonne strahlt, das Meer ist azurblau, die Menschen lachen. Es ist eine Reise in die Unbeschwertheit, in ein unverbindliches Sich-treiben-Lassen. Noch. Lediglich die Orte sind die einzig vorgegebenen Fixpunkte: Marseille – La-Seyne-sur-Mer – Saint-Tropez – Cannes – Nizza – Monaco.

Es ist nicht die erste gemeinsame Reise der Mann-Geschwister Erika und Klaus, und schon gar nicht die letzte. Die beiden Erstgeborenen der sechs Kinder von Katja und Thomas Mann haben zuvor schon, in den Jahren 1927/28, eine Weltreise unternommen und diese in dem Buch „Rundherum“ (1932) literarisch verarbeitet. Nun also die Côte d’Azur. Wieder soll ein Buch daraus werden, Auftraggeber ist der Münchner Piper Verlag. Noch im Jahr ihrer Reise erscheint „Das Buch von der Riviera“ als vierzehnter Band der Reihe „Was nicht im ,Baedeker‘ steht“.

Die sehenswerte Dokumentation „Die große Literatour: Erika und Klaus Manns Côte d’Azur“ der Autoren André Schäfer und Rieke Brendel zeichnet die Reise der Geschwister nach. Dabei sind Zitate aus dem Buch aus dem Off zu hören, es sind zeitgenössische Fotografien sowie schwarz-weiße Archivaufnahmen aus jenen Tagen in neu gedrehte Sequenzen montiert. En passant wird dabei nicht nur die südfranzösische Küste beschrieben, sondern ein biografisches Porträt der Geschwister gezeichnet, beide Außenseiter in Deutschland und der Welt. Klaus Mann schreibt: „Deutschland war mir fremd. Ich hatte keine Wurzeln, wollte keine haben. Die heimatliche Scholle hielt mich nicht, meistens zog ich den Asphalt fremder Großstädte vor, oder den hellen Sand einer südlichen Küste.“

Wenn das Geld ausgeht, muss Vater Thomas Mann ran

Ohne einen sonderlich hohen Verlagsvorschuss fahren sie los, Marseille ist der Start. Wenn das Geld ausgeht, dann muss Vater Thomas Mann zahlen. Sein Name ist es auch, der den Geschwistern Tür und Tor öffnet, wenngleich er es auch ist, unter dessen Schatten sie leiden. Auf Fotografien ist Erika zu sehen, mit kurzem frechem Haarschopf und androgynem modernem Look, ohnehin hat sie keinerlei Präferenzen, sie liebt die Männer ebenso wie die Frauen. Ihr ein Jahr jüngerer Bruder zieht die Männer vor – und auch das Morphium und das Heroin. Erika ist stets besorgt um ihren labilen Bruder. Nicht immer kann und will sie damit umgehen.

Die unbeschwerte Leichtigkeit, das Laisser-faire, das Erika und Klaus an der französischen Riviera in diesen Sommertagen 1931 zelebrieren, geht bald schon verloren. Nur wenige Wochen, nachdem Hitler an die Macht gekommen ist, verlässt das Geschwisterpaar Deutschland. 1935 wird Erika Mann durch die Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, 1937 verliert Klaus die seine. Sie werden in Deutschland keine Ruhe finden, ihre innere wie äußere Rastlosigkeit wird zum Lebenszustand.

Schließlich Monaco, die letzte Station. „Kampf und Spiel sind die Urbetätigungen des Menschen“, schreiben die literarischen Zwillinge hier, „am Spieltisch feiert nicht nur das Kind, sondern wahrscheinlich auch der Barbar Triumphe. Das Rollen der Kugel symbolisiert die gnadenlose Willkür des Schicksals. Vor unseren Augen werden Existenzen vernichtet.“ Hinter Monaco liegt nur noch Menton, die Grenzstadt zu Italien, dort, wo der Faschismus beginnt und die Reise von Erika und Klaus Mann endet. Thilo Wydra

„Die große Literatour: Erika und Klaus Manns Côte d’Azur“, Arte, Mittwoch, 21 Uhr 40

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