Medien : Erklär mir die Welt!

Nie war das Magazin so wertvoll wie heute: Seit 15 Jahren verpackt „logo!“ Nachrichten für Kinder

Tilmann P. Gangloff

Bomben in Bombay: Indien ist zwar weit weg, doch für „Tagesschau“ und „heute“ sind die Explosionen ein wichtiges Thema. Warum es immer wieder zu Anschlägen dieser Art kommt, wird aber allenfalls am Rande erwähnt. Wer mehr über die Hintergründe wissen will, muss schon „logo!“ gucken: Da wurde der uralte Konflikt zwischen Moslems und Hindus tags drauf ausführlich erläutert.

„Erklärstücke“ heißen diese Beiträge, und selbst mancher Erwachsene hat die Welt erst mit Hilfe der ebenso übersichtlichen wie unverwechselbaren Grafiken von Peter Becker verstanden. Ohnehin hat sich die „logo!“-Redaktion jahrelang durchaus ernsthaft über die Zuschrift so mancher betagten Zuschauerin gefreut, die gestand, erst „logo!“ und dann „heute“ einzuschalten.

Weil die Welt immer unübersichtlicher wird, ist die Kindernachrichtensendung vom ZDF vermutlich nie so wertvoll wie heute. „logo!“ ist ein Unikat, zwar nicht unbedingt weltweit, aber doch wenigstens für Deutschland. Die Kinderredakteurin Susanne Müller, heute Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Neue Medien, hat sich das Konzept von „logo!“ vor 15 Jahren ausgedacht und war die erste „logo!“-Leiterin. Geburtshelfer Markus Schächter, jetzt Intendant des ZDF, ist noch heute stolz darauf, die Sendung als Chef der Kinderredaktion eingeführt zu haben.

Vorreiter BBC

Damals war Eva Radlicki noch Praktikantin. Mittlerweile leitet sie die Redaktionsgruppe Information im ZDF-Programmbereich Kinder und Jugend. Ursprünglich hatte sie das Thema „Nachrichtenbearbeitung für Kinder“ zum Gegenstand ihrer Diplomarbeit machen wollen, musste aber feststellen, dass die Bereiche „Nachrichten“ und „Kinder“ in Deutschland nicht zusammengehörten. Anderswo schon: Bei der britischen BBC gibt es Kindernachrichten seit über 25 Jahren. In Frankreich und Holland war man schneller. Wie dort informierte auch „logo!“ von Anfang an Kinder zwischen neun und 13 Jahren über das Wichtigste vom Tage. Das war zunächst ein Problem, denn besorgte Eltern glaubten, man dürfe den Kindern die Grausamkeit der Welt nicht zumuten. Mittlerweile wissen sie: Die Kinder kriegen das sowieso mit, und von „logo!“ bekommen sie wenigstens keine Alpträume.

In der ersten Zeit waren die „logo!“-Berichte noch recht belehrend, aber das hat sich längst geändert. Es sei ganz wichtig, erläutert Eva Radlicki, „an der Lebenswirklichkeit der Kinder dranzubleiben und die Sendung daran auszurichten“. Deshalb schaut sich die Redaktion genau an, was Kinder bei der Konkurrenz bevorzugen; zum Beispiel die Nachrichten von RTL 2, die eigentlich bloß Klatsch und Tratsch bringen.

Nun galt es für die „logo!“-Redaktion, „eine Form zu finden, über solche Dinge zu berichten, die vor einem pädagogischen Hintergrund vertretbar ist.“ Das Ergebnis: die „Spots“ in der Abendausgabe von „logo!“ mit ihren „News“ über prominente Sportler oder Musiker, bei denen nicht immer gleich zwanghaft nach dem Haar in der Suppe gesucht wird. Überhaupt: Die Texte werden zwar nicht im Sprechgesang vorgetragen, doch die Berichte haben gegenüber früher deutlich an Tempo zugelegt. Größerer Qualitätsfaktor als der tolerante Umgang mit „Promi-News“ aber sind natürlich die Nachrichten über Krisen und Katastrophen. Völlig zu Recht fürchten Eltern, die oftmals drastischen Fernsehbilder aus „Tagesschau“ und „heute“ könnten Kinder bis in den Schlaf verfolgen. Andererseits sollte man den Nachwuchs nicht allzu sehr in Watte packen, denn er bekommt ohnehin mit, was auf der Welt passiert. Das müssen gar nicht so spektakuläre Ereignisse wie die Anschläge auf das World Trade Center sein.

Die ebenso einfache wie verblüffende Lösung für dieses Dilemma: Um die Flüchtigkeit, aber auch die Wucht der bewegten Bilder zu vermeiden, zeigt „logo!“ Fotos, die sich die Kinder in aller Ruhe anschauen können. Diese Fotos werden sorgfältig ausgewählt. Es versteht sich von selbst, dass sie keinerlei schockierende Inhalte haben. Naheinstellungen von Toten oder Verletzten gibt es in „logo!“ grundsätzlich nicht.

Auf diese Weise, schildert Eva Radlicki, könne vermieden werden, dass Bilder die eigentliche Nachricht erschlagen. Diese Erfahrung können auch Erwachsene immer wieder machen: Bestimmte Aufnahmen sind derart beeindruckend, dass man sich der Wirkung nicht entziehen kann und kaum noch auf den gesprochenen Begleittext hört. Wenn man dann noch weiß, dass Kinder ohnehin in viel stärkerem Maß auf Bilder achten, kann man sich ausmalen, welch tiefgreifende Wirkung so mancher Bericht haben kann.

Ungeschminkte Wahrheiten

Auf der anderen Seite hält man in der Redaktion nichts davon, die Welt schöner zu machen, als sie ist. Radlickis Begründung dafür, den Kindern die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, ist einleuchtend: „Was man nur halb mitbekommen und deshalb nicht richtig verstanden hat, macht mehr Angst als Dinge, die man versteht und die man einordnen kann“. Gerade in Krisenzeiten wie nach dem 11. 9. September 2001 oder während des amerikanischen Angriffs auf den Irak können Eltern ihre Kinder „logo!“ deshalb anvertrauen.

„logo! – extra“: 12 Uhr 35, ZDF

„logo!“: Montags bis freitags, um 16 Uhr 50 und um 19 Uhr 50 im Kika.

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