Erlebnis Fernsehen : Das Viele-Augen-Prinzip

Public Viewing ist kein Privileg der Fußballfans mehr. Warum Menschen Guckgemeinschaften bilden.

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In der Fernsehstube. 150 Gäste fasst der „Gernsehclub“ im Gotischen Saal in Berlin-Kreuzberg. Wenn es voller wird, wird im Vorraum ein weiterer Großbildschirm aufgebaut. Foto: David von Becker
In der Fernsehstube. 150 Gäste fasst der „Gernsehclub“ im Gotischen Saal in Berlin-Kreuzberg. Wenn es voller wird, wird im Vorraum...

Sie starten erst um Viertel nach acht. Natürlich, alles andere wäre ein Sakrileg. Nicht, dass hier jemand wirklich vorher die „Tagesschau“ gucken wollte. Es geht ums Ritual. Außerdem muss im Vorraum noch das Buffet geleert werden.

Sie kommen jeden zweiten Mittwochabend hierher, zum gemeinsamen Filmegucken in den kleinen Kuppelsaal am Rande des Berliner Kreuzbergs. „Gernsehclub“ heißt die Versammlung, und was jeweils läuft, wird vorher im Internet bekannt gegeben. Heute ist „Little Britain“ dran, die böse Comedy aus England, die sich über Schwule und Behinderte lustig macht und auch über sozial Schwache und Dicke und Priester. An den Humor muss man sich erst gewöhnen, aber im Gernsehclub kennen sie ihn. Es wird geraunt und laut gelacht. Doch niemals gegrölt. Hier läuft schließlich kein Fußball.

Public Viewing ist schon lange kein Privileg für Sportfans mehr. Vier Jahre, nachdem das Gemeinschaftsgucken bei der letzten Fußball-WM zum Massenphänomen wurde, haben sich in deutschen Großstädten haufenweise Fernsehgemeinschaften etabliert: Bevorzugt in Kneipen trifft man sich, um einmal wöchentlich Krimis zu schauen oder „Germany’s Next Topmodel“ oder Olli Dittrichs „Dittsche“. Zum Kreuzberger Gernsehclub sind an diesem Abend 150 Gäste gekommen, das sind mehr, als in den Saal passen, ein paar müssen draußen im Vorraum hocken, da steht auch ein 46-Zoll-Gerät. Und im Türrahmen lehnt der Mann, der sich den Gernsehclub ausgedacht hat: Jörg Strombach, 38, leitet eigentlich eine Künstleragentur. Einer seiner Klienten ist Oliver Kalkofe, der Fernseh-Schmäher, der für miese Sendungen drastische Worte findet, der bei „Sarah & Marc in Love“ Magensäure spucken wollte und Wolfgang Lippert einst einen „ulkigen Grabbel-Zoni mit Kassenbrille“ nannte. Wenn die Sender nur Mist bringen, dann lass es uns einfach besser machen, hat Strombach zu ihm gesagt. Oliver Kalkofe ist seitdem Stammgast im Gernsehclub.

Meistens zeigen sie Serien, „Alf“ oder „Switch“, „Friends“, „Simpsons“, „Monty Python“, immer mehrere Folgen hintereinander. Einmal luden sie zum Ostalgie-Abend mit dem „Schwarzen Kanal“ und „Ein Kessel Buntes“. Ein bisschen bizarr war das DDR-Programm schon, sagt Jörg Strombach. Aber handwerklich gar nicht schlecht.

Sechs große Plasmabildschirme stehen in der Mitte des Saales. Und über allem ragt ein überdimensionaler Lampenschirm in die Höhe, wegen dem hat sich Strombach viele Gedanken gemacht, er hat extra auf Ebay nach einem Exemplar gesucht, das die größtmögliche Wohnzimmer-Miefigkeit ausstrahlte. Genau das ließ er nachbauen, nur viel, viel größer. Jeder Gast kann sich seinen Plastikteller mit Chips und sauren Apfelringen vollstapeln. Es gibt auch Hotdogs. Jörg Strombach hat eine klare Vorstellung davon, was seine Veranstaltung sein soll und kann: ein Kollektiverlebnis, das häusliche Gemütlichkeit mit angenehmer Gesellschaft verbindet. Als hätte man sich Freunde in seine Wohnung geladen. Wenn im Gernsehclub zwischendurch einer auf Toilette muss, huscht er gebückt durch den Raum, damit er möglichst niemandem die Sicht versperrt.

Man kann auch Pech haben, und im Publikum sitzt ein Störenfried. Wie am Sonntagabend in der FC-Magnet-Bar in Mitte. Dutzende Gäste haben sich vor der Beamerleinwand versammelt, der „Tatort“ aus Bremen läuft, und ganz hinten in der letzten Reihe rührt eine Frau ihren Minztee zu laut um. Der Löffel klirrt am Glas. Es würde wohl nicht weiter stören, hätte sie vorher nicht schon auf Nüssen gekaut und mehrfach ihre Nachbarin beschwatzt. Das sind die Risiken des Gruppenguckens, aber vielleicht ist schlechte Gesellschaft besser als gar keine.

In der FC-Magnet-Bar übertragen sie jeden Sonntag den Krimi. Besonders voll ist es, wenn Axel Prahl und Jan Josef Liefers in Münster ermitteln, besonders leer, wenn „Polizeiruf 110“ läuft. An anderen Wochentagen wird Fußball geschaut und jeden Donnerstagabend Heidi Klums „Topmodel“. Dann ist der Lärmpegel nochmal ein ganz anderer, sagt Andreas Sürken, der Betreiber. Denn dann wird laut fremdgeschämt und manchmal gekreischt, und in der Werbepause bestellen die Frauen ihren nächsten Prosecco auf Eis. Kommende Woche ist das Finale der Staffel, und es soll eine große Party geben in der FC-Magnet-Bar.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass Public Viewing auch abseits der Sport- Übertragungen immer beliebter wird. Es ist der Gegenentwurf zum vereinzelten Filmchengucken auf Youtube. Und Andreas Sürken scheint es nur logisch, dass er vor allem in der Großstadt funktioniert. Weil es hier so leicht fällt, sich einsam zu fühlen. Wer sich einer Guckgemeinschaft anschließt, bekommt Gesellschaft in der gewünschten Dosierung, sagt Sürken. Man kann nach dem „Tatort“ noch am Tresen stehen bleiben und mit anderen Gästen diskutieren, ob das Ende nun logisch war oder nicht. Man kann aber auch einfach nach Hause gehen. Zurück in sein richtiges Wohnzimmer.

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