Erst die Arbeit... : Rentner mit High Heels

Arte zeigt in einer Filmreihe preisgekrönte Werke. Den Auftakt macht die skurrile Geschichte „O’Horten“.

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Pläne schmieden Horten (Bård Owe, l.) und Sissener (Espen Skjønberg). Foto: Arte
Pläne schmieden Horten (Bård Owe, l.) und Sissener (Espen Skjønberg). Foto: ArteFoto: © John Christian Rosenlund

Erst verpasst er das Besäufnis anlässlich seines letzten Arbeitstages, dann fährt ihm am nächsten Morgen der eigene Zug davon. Der Start ins Rentnerdasein hätte glücklicher laufen können für Odd Horten (Bård Owe). Doch das war nur der Anfang, Schritt für Schritt und auf wundersame Weise verändert sich am Tag seiner Pensionierung das Leben des wortkargen Einzelgängers.

„O’Horten“ erzählt die ebenso skurrile wie melancholische Geschichte des Eisenbahnschaffners Odd Horten. Sie ist an diesem Montag der Auftakt zu der Reihe, in der Arte im Rahmen eines eigenen Filmfestivals zwei Wochen lang preisgekrönte Filme in Erstausstrahlung zeigt.

Trotz der Anfangsschwierigkeiten macht sich Odd mit schlafwandlerischer Sicherheit und Pfeife im Mund auf den Weg zurück ins verschneite Oslo. Dort hat das Rentnerdasein noch einige Überraschungen auf Lager: eine Runde Nacktschwimmen im Hallenbad, einen Winterspaziergang mit roten High Heels, einen nächtlichen Sprung von der Skischanze und die Bekanntschaft mit einem alten, exzentrischen Weltenbummler. Der erklärt ihm nicht nur die Welt und das Leben anhand eines Meteoritenbruchstücks, sondern lädt ihn auch zu einer frühmorgendlichen Spritztour durch die Stadt ein, bei der der Fahrer eine Augenbinde trägt.

Mit großer Selbstverständlichkeit und ruhigem Blick erzählt Regisseur und Drehbuchautor Bent Hamer („Kitchen Stories“) eine nordische Komödie im Stile Aki Kaurismäkis. Es wird kaum geredet, und wenn, dann wird nichts erklärt. Die durchweg liebenswürdigen Figuren leben in einer schweigsamen Einsamkeit, in der sie sich aber offenbar nicht unwohl fühlen. Oft scheint die Zeit stillzustehen, und doch entwickeln die abstrusen Situationen eine besondere Spannung. Auf gemächliche Art gerät alles außer Kontrolle. Die Kamera von John Christian Rosenlund findet dafür lakonische Stillleben, die nie zum Kitsch geraten: Resopalmöbel im Neonlicht, verschneite, dunkle Straßen oder die Labyrinthe des Osloer Flughafens.

Hauptdarsteller Bård Owe gelingt es, den alten, stoischen Lokomotivführer (wie es zu dem irisch anmutenden O’ im Titel kommt, bleibt ein Geheimnis) mit kindlich staunenden Augen zu spielen. Unverdrossen marschiert er als „man with a plan“ durch eine zum Teil surreale Welt. Und der Zuschauer folgt ihm gern in Erwartung der nächsten Überraschung.

Der Film beginnt mit einer Zugfahrt über das norwegische Hochplateau von Oslo nach Bergen in Richtung Westen. Und die Musik, die bei „O’Horten“ eine wichtige Nebenrolle spielt, klingt in diesem Moment wie bei der Eröffnung eines Westerns. Freiheit und Abenteuer schwingen mit. Simone Schellhammer

„O’Horten“, 20 Uhr 15, Arte

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