Medien : „Erst Rebellion, jetzt wie McDonald’s“

Am Dienstag wird MTV 25: Ex-Moderator Ray Cokes über den Einfluss des Senders auf TV und Popmusik

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Herr Cokes, gucken Sie noch oft MTV?

Nur wenn ich im Ausland in einem Hotel bin und ich keinen anderen Kanal verstehe. MTV begeistert mich nicht mehr. Früher herrschte ein anarchischer Geist. MTV hat die Rock ’n’ Roll-Rebellion verkörpert. Ich hatte die Freiheit, Autoritäten herauszufordern. Heute ist MTV das Establishment. Ein Konzern wie McDonald’s.

Sind Sie jetzt nicht ein bisschen nostalgisch? MTV war schon immer kommerziell: Es stand mehr für bunten, oberflächlichen Pop als für bodenständigen Rock ’n’ Roll.

Aber es gab immer die Gegenbewegung: Nirvana zum Beispiel machte dank MTV eine wahnsinnige Karriere. MTV zwang Bands dazu, visuell zu werden, Videos zu produzieren. Jeder Musiker musste gleichzeitig Schauspieler werden. Viele Videos der ersten Jahre waren übrigens furchtbar. Für ein Liebeslied wurde ein schönes Mädchen engagiert, und der arme Musiker musste verliebt tun – einfach schmalzig. Natürlich gab es auch die wundervollen Exzesse von Duran Duran, die Millionen Dollar für einen Spot mit nackten Mädchen auf einem Boot in Rio ausgaben.

Tanzende, wenig bekleidete Mädchen – eines der Erfolgsgeheimnisse von Musikfernsehen. Seit dem Start von MTV braucht sich keiner mehr den „Playboy“ zu kaufen.

… ja, aber zunächst war MTV wie ein „Playboy“ aus den 50er Jahren. Die Mädchen trugen Bikinis, sie waren irgendwie unschuldig. Ganz anders als heute in Hip-Hop-Videos, die die Botschaft „Fick so viele Schlampen, wie du kannst“ verbreiten. Eine zynische Welt.

Gibt es eine aktuelle MTV-Show, die Sie mögen?

Von den „Osbournes“ war ich zuerst fasziniert …

… der Alltag vom Hard Rocker Ozzy Osbourne und seiner Familie wird gezeigt …

… doch ich wurde ihrer schnell überdrüssig. Im Grunde zelebriert die Serie doch nur jemanden, der sich mit Drogen und Alkohol das Gehirn weichgekocht hat, seine schreckliche Frau und seine schrecklichen Kinder. Im Grunde ist „The Osbournes“ nichts anderes als „Big Brother“, oder wie die dummen Reality-TV-Shows heißen, von denen ich mir niemals auch nur eine Minute ansehen würde, weil dort die Paris-Hilton-Kultur zelebriert wird, die ich ganz besonders hasse.

Aber ist die Paris-Hilton-Kultur, wie Sie es nennen, nicht das Ergebnis von 25 Jahren MTV? Musikfernsehen zeigt Jugendlichen doch jeden Tag, dass es das Tollste ist, berühmt zu sein.

MTV macht Musik glamourös, es macht große Stars größer. Früher jedenfalls. Die Menschen, die wir zeigten, mussten etwas können. Irgendwelche Karaoke-Sänger hatten da keine Chance – anders als heute zum Beispiel in Castingshows wie „Pop Idol“. Endemol ist für die Paris-Hilton-Kultur verantwortlich, nicht MTV.

Welchen Einfluss hat MTV Ihrer Meinung nach auf das Fernsehen von heute?

Es hat vor allem die Optik geprägt: den schnellen Schnitt, die Drei-Minuten- Machart. Nach dem Motto: Wenn dir das hier nicht gefällt, wird es dir vielleicht in drei Minuten gefallen. Also: Bleib dran. Das Besondere war auch, wie Kameras eingesetzt wurden. Als ich zu MTV kam, standen die Kameras ganz langweilig auf ihren Stativen herum. Ich sagte: „Nehmt sie da runter. Zeigt die Menschen hinter den Kulissen, die Menschen, die sich langweilen, und die, die hier arbeiten.“

Der deutsche Moderator Harald Schmidt macht das in seinen Shows ganz ähnlich: Er spricht mit seinem Redaktionsleiter oder mit der Frau, die ihm die Pappen hält.

Jeder macht es heute, aber ich war der Erste. Wir hatten außerdem in „MTV Most Wanted“ …

… in Ihrer täglichen Live-Sendung, in der Sie unter anderem Musiker interviewten …

… eine europäische Community geschaffen, eine Art Club. Das war wirklich neu: Ein Israeli konnte auf einmal mit einem Finnen kommunizieren. Sie hatten durch uns dieselben kulturellen Bezüge. Leider hat MTV dann sein Programm für die verschiedenen Nationen aufgesplittet: aus Marketinggründen.

Vielleicht gibt es die Generation Europa so noch nicht, wie man Anfang der 90er Jahre glaubte.

Bei großen Sportveranstaltungen wie der Fußball-Weltmeisterschaft sieht man, dass wir alle im Herzen von unserem Geburtsland geprägt sind. Trotzdem wollen die Menschen hinter ihre Staatsgrenzen schauen. Gerade wenn du jung und verloren bist, wenn du deine Hormonschübe hast, ist es nett zu wissen, dass irgendjemand in Deutschland dieselbe Musik hört, dieselben Filme sieht wie du. Damit ist man ein Teil einer Community. Das mögen die Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass MTV einen Teil seiner Bedeutung in der Welt verloren hat, weil es keinen internationalen Geist mehr vermittelt. Diese Communities gibt es dafür jetzt im Internet.

Internet kills the Video Star – glauben Sie, dass das Internet Musikfernsehen irgendwann überflüssig macht?

Wahrscheinlich. Internet verändert die Sehgewohnheiten. Ich surfe viel im Netz. Wenn mich das neue Video von irgendeiner Band interessiert, finde ich es dort. Ich muss nicht mehr dasitzen und darauf warten, dass es mir ein MTV-Programmplaner irgendwann zeigt. Zumal auf MTV fast gar keine Musik mehr läuft.

Sie haben sich von MTV im Streit getrennt.

Ja, 1996, nach der Hamburg-Erfahrung …

… Sie wurden auf einer Live-Show mit Bierdosen beworfen, als anstatt des angekündigten Auftritts der Toten Hosen nur ein Einspieler der Band kam. Es hieß, Sie hätten vorher die unzureichende Vorbereitung der Sendung kritisiert …

… und zurück in London behaupteten sie bei MTV, alles sei mein Fehler gewesen. Sie haben gedroht, mich vom Schirm zu nehmen. Das habe ich mir nicht gefallen lassen. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte den Streit mit ihnen ausgefochten. Dann wäre ich vielleicht heute noch da. Aber man muss mit seinen Entscheidungen leben. Wenn man älter wird, wird man selbst zur Summe aller Entscheidungen, die man getroffen hat.

Als Moderator findet man selten ein Format, das so perfekt zu einem passt wie „Most Wanted“ zu Ihnen.

Lange ging es mir so wie David Bowie nach seinem ersten Album, das zugleich sein bestes war. Ich wusste: „Most Wanted“ würde sich nicht wiederholen lassen. Ich war damals 38 alt, und da ist es sehr schwer zu sagen: Ich habe meine beste Arbeit hinter mir.

Musikfernsehen für Erwachsene – wäre das nicht was für Sie?

Es gibt ja eines: VH1. Es ist nur langweilig. Programmmacher denken, dass jeder, der älter ist als 35, Mariah Carey hören will. Sie verstehen nicht, dass es eine neue Generation der 40-Jährigen gibt, die immer noch sehr jung ist.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen würdigen Erben des alten MTV?

Ja, Internetportale wie YouTube. Im Fernsehen: nichts. Ein von Persönlichkeiten geprägtes Fernsehen existiert nicht mehr. Der Moderator ist nicht mehr wichtig, sondern das Format. Schon als ich bei MTV war, kamen die Amerikaner, die Format-Könige und Playlist-Menschen. Sie veränderten das ganze Gesicht des Radios und Fernsehens. Ihr Rezept: Man nehme dreißig Schallplatten und spiele sie den ganzen Tag. Ich finde, es gibt heute zu viel des Immergleichen.

Was hat Sie eigentlich nach Paris verschlagen?

Die Arbeit. Nach meiner Kündigung von MTV wurde ich zwar oft zu Castings eingeladen, aber einen Vertrag bekam ich nie. Irgendwann erfuhr ich, dass irgendjemand schlimme Dinge über mich erzählt: In meinen „Most-Wanted“-Jahren hätte ich unter Kokain gestanden. Dabei würde ich nicht mal ein Glas Wein trinken, bevor ich ins Fernsehen gehe. Ich will ja konzentriert sein. Damals dachte ich: Ich spreche Französisch, also versuche ich es in Frankreich.

Sie arbeiten beim Sender France 4. Was genau machen Sie dort?

Eine Musikshow: Ich fahre mit einem großen silbernen Wohnwagen zu den Musikfestivals des Landes, parke ihn Backstage und führe in meinem Karavan-Interviews mit Bands wie The Cure und Radiohead. Ich mache meine Spielchen mit ihnen, und dann zeigen wir natürlich Ausschnitte des Festivals.

Wie lebt es sich als Engländer in Frankreich?

Wurzeln habe ich keine geschlagen. Vielleicht gehe ich bald nach Amerika, vielleicht nach Südafrika. Ich fahre in den Ferien zum Burning Man Festival in die amerikanische Wüste. Das soll eine lebensverändernde Erfahrung sein. Mal sehen, was passiert. Ich bin offen.

Das Gespräch führte Barbara Nolte.

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