Medien : Erst zahlen, dann lesen

Abschied von der Gratis-Kultur: Zeitungsverlage setzen auf Online-Abos

Dietrich Wolf Fenner

Der Testlauf ist fast beendet. Über Wochen haben die größten deutschen Tageszeitungen, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine“, neben ihrem normalen Internet-Auftritt das Format E-Paper im World Wide Web ausprobiert. Das E-Paper der „FAZ“ wird am 1. Juli kostenpflichtig, die digitale „Süddeutsche“ kostet ab Mitte Juli Geld. Der Trend ist eindeutig: Die Gratis-Kultur hat ausgedient, die gebeutelte Zeitungsbranche setzt auf bezahlte Online-Inhalte. Wer weiterhin Tageszeitungen im weltweiten Netz lesen will, der soll auch dafür zahlen. E-Paper heißt das Geschäftsmodell, das künftig die dringend benötigten Erlöse im Netz erwirtschaften soll.

E-Paper sind elektronische Gesamtausgaben von Tageszeitung – alle Artikel, aber auch alle Anzeigen sind im Internet abrufbar. Der Internet-User findet die gedruckte Ausgabe im Miniaturformat auf den Webseiten der Zeitungen zumeist über einen kleinen Verweis zum „E-Paper“. Schlagzeilen und Überschriften sind sofort lesbar, die einzelnen Artikel müssen – wie auch beim E-Paper des Tagesspiegel – durch einen Doppelklick vergrößert werden. Statt umgeblättert wird weitergeklickt, Seite für Seite, Buch für Buch.

Die Suche der Verlage nach Refinanzierungsmöglichkeiten im Internet ist immer zugleich die Suche nach der eigenen Besonderheit. Neidisch blicken dabei viele Printhäuser auf die Erfolge der großen News-Portale wie „Spiegel online“ oder „Netzeitung“. Dabei hatte kaum einer an den Erfolg der verlagsunabhängigen „Netzeitung“ geglaubt. Doch seit Dezember 2003 schreibt sie schwarze Zahlen, im Mai 2004 hatte sie erstmals mehr als eine Million Leser. Die „Netzeitung“ finanziert sich durch aggressive Werbung. Jedem Artikel ist ein Anzeigen-Fenster vorgeschaltet. Wird ein Abo bestellt (für sieben Euro im Monat oder 30 Euro für ein halbes Jahr), bekommt der Nutzer die „Netzeitung“ werbefrei zu sehen.

Im Gegensatz zu den permanent aktualisierten News-Portalen bleiben die E-Paper-Ausgaben auf dem Stand der gedruckten Vorlagen. „Als Zusatzangebot für Abonnenten und Leser der SZ“ will der Süddeutsche Verlag das kostenpflichtige Angebot verstanden wissen. Aber auch Abonnenten zahlen ab Mitte Juli fünf Euro für dieses Zusatzangebot. Eine der Zielgruppen sind Internet-Nutzer im Ausland, die aktuelle Print-Ausgabe nicht erhalten können. Über 40 000 User haben sich während der kostenlosen Testphase für das „SZ“-E-Paper registrieren lassen. Ab Mitte Juli wird der Nicht-Abonnent 20 Euro im Monat zahlen müssen, um das E-Paper lesen zu können. Wie viele Abos braucht ein E-Paper? „Wir machen keine Prognosen. Der Trend geht in die richtige Richtung. Die Verlage wollen, dass hochwertiger Journalismus im Netz nicht mehr kostenlos ist,“ sagt Verlagssprecher Sebastian Lehmann.

Auch der „Stern“ denkt an seine Leser, „die für längere Zeit im Ausland leben“ und bietet deshalb eine E-Paper-Version der Zeitschrift an. Bisher haben sich nur ein „paar Hundert Leser“ für diese Form entschieden. „Wir gehen sehr konservativ und ohne große Umsatzerwartungen an dieses Projekt, das uns auch als eine Art Versuchsballon dient“, sagt dazu Frank Plümer vom Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr.

Mehr Erfahrungen hat die „Financial Times Deutschland“ (FTD) gesammelt, die bereits seit 2002 ihre Gesamtausgabe als PDF-Datei im Netz stehen hat. Für Abonnenten ist dieser Service kostenlos. Wer kein Abo hat, der zahlt. „FTD“-Sprecherin Susanne Petersen sagt, die „FTD versteht sich nicht als klassische Zeitung, sondern als Wirtschaftsinformationsdienst, der Abonnenten so viel Nutzwert wie möglich verschafft und möglichst viele Verbreitungskanäle anbietet.“ Die „FTD“-Pioniere sind nach zwei Jahren skeptisch, was das E-Paper-Format angeht: „Es gehört sicher nicht zu den herausragendsten Möglichkeiten des Internets. Aber vielleicht werden sich in einigen Jahren die Nutzergewohnheiten verschieben. Die momentane Welle von E-Papern ist ein Hype.“

Mag sein. Der Markt für bezahlte Inhalte scheint vorhanden zu sein. Von 2002 auf 2003 sprang die Nutzerzahl des Internets in Deutschland von 49 Prozent auf 54 Prozent. In mehr als der Hälfte der Haushalte leben somit potenzielle Kunden. Im Print-Bereich werden täglich rund 26,3 Millionen Zeitungen verkauft, gut 16,8 Millionen im Abonnement. Ein Traum für die großen Verlagshäuser, wenn diese Erfolgsgeschichte sich langfristig im Internet wiederholen ließe. Das E-Paper-Format kann dabei nur ein Weg sein.

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