Medien : Erster deutscher Medienstar

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Europäische Königshäuser bieten bekanntlich Unterhaltung. Die mit Ernst August und Fürstin Gloria gesegneten Deutschen können da nicht mithalten. Ihr letzter großer Adelsstar, Kaiser Wilhelm II., ist vor 61 Jahren im Exil gestorben. Wahre Monarchisten reisen immer noch an jedem 4. Juni zum Wasserschloss Haus Doorn in die Niederlande, wo sie zum Todestag von Wilhelm II. Kränze am Grab niederlegen. Im übrigen ist Haus Doorn eine Touristen-Attraktion, in der sich die zahlreichen Uniformen des eitlen Herrschers oder das Eisenstück, mit dem ein Bremer Arbeiter den Kaiser 1901 am Kopf traf, bestaunen lassen.

Gerade die Gegenwart im gepflegten Haus Doorn bekommt in der um 30 Minuten längeren Fernsehfassung von Peter Schamonis „Majestät brauchen Sonne“ (ZDF, Christi Himmelfahrt, 23 Uhr 15) mehr Raum. Vor zwei Jahren hatte Schamoni den Dokumentarfilm in die Kinos gebracht und dort eine sechsstellige Zuschauer-Zahl erreicht. Doch auch wenn Schamoni beteuert, „die 30 Minuten sind mir die liebsten“, bleibt der Film dank der historischen Aufnahmen aus der Regierungszeit Wilhelms II. (1888 - 1918) eine seltene Attraktion. Von den damals neuen Medien, der Fotografie und der „Kinematografie“ ließ der Kaiser eifrig Gebrauch machen, um sein Volk mit immer neuen Bildern von sich zu beglücken. Noch im Exil sehen wir Wilhelm II. höchstpersönlich Fotografien wie Autogrammkarten an Gäste verteilen. Für Schamoni ist der letzte Kaiser angesichts der Fülle der historischen Aufnahmen „der erste deutsche Medienstar“.

Allerdings spielte die Kamera bei Auftritten eine Nebenrolle, im Vergleich mit den Selbstinszenierungen heutiger Politiker war Wilhelm II. ein Laiendarsteller. So sind in dieser Bilderrevue aus wilhelminischer Zeit wahre Kostbarkeiten enthalten, etwa die farbigen Filmaufnahmen aus dem Berlin des Jahres 1913, als Wilhelms Tochter Victoria Luise den Prinzen Ernst August heiratete. Schamoni verschafft den Bildern mittels hinzugefügter Töne zuweilen neue Originalität.

Auf politische Hintergründe kam es Schamoni weniger an. Sein Interesse galt der Persönlichkeit des Hohenzollern. Vereinzelt wurde Schamoni eine unkritische Darstellung vorgeworfen. Der Münchner Produzent, Autor und Regisseur argwöhnt, er sei beim Deutschen Filmpreis aufgrund der Einflussnahme der rot-grünen Bundesregierung übergangen worden. Auch das ZDF kommt bei ihm nicht nur wegen des späten Sendetermins schlecht weg. Gerne hätte er eine Mini-Serie aus dem Film gemacht, doch wegen der Dominanz von ZDF-Historiker Guido Knopp „wird man abgeblockt“. Immerhin zeigt das ZDF am Donnerstag um 16 Uhr 15 Schamonis „Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“, ein vorzüglich besetzter Spielfilm über Deutschlands untergegangenen Adel. Thomas Gehringer

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