"Erwachsen auf Probe" : Chaos in der Kinderstube

Die Quote Durchschnitt, als Unterhaltung mies: Am Mittwoch endet "Erwachsen auf Probe" – vorerst.

Thomas Gehringer
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Vorurteile widerlegt: Der 18-jährige Mario fand schneller als andere den Zugang zu den Kindern wie dem 10-jährigen Jona.Foto: RTL

Interessantes Fernsehen kann ganz schön nervtötend sein. In der vorletzten Folge von „Erwachsen auf Probe“ brüllten Lila, 19, und Sebastian, 16, derart ausdauernd aufeinander ein, dass Nachbarn und Leihkinder sogar nachts keine Ruhe fanden. „Froh bin ich schon, hier mitgemacht zu haben. Manchmal sind halt die negativen Seiten auch rausgekommen“, resümierte abgeklärt die neunjährige Joana, die sichtlich froh war, die drei Tage bei dem zerstrittenen Paar überstanden zu haben. Dabei war Gymnasiast Sebastian von Anfang an der junge Vorzeigevater der umstrittenen Doku-Reihe, eifrig entschlossen, in Haushalt und Kindererziehung alles richtig zu machen. Heute strahlt RTL die vorerst letzte Folge der Reihe aus.

Ruhe und Eintracht herrschten dagegen bei Anji, 17, und Mario, 18, die offenkundig weniger mit Beziehungsproblemen beschäftigt sind und schnell Zugang zu den verschiedenen Kindern gefunden haben. Dabei löste gerade Mario beim Publikum auf den ersten Blick diesen Reflex aus: Oh Gott, dem würde ich mein Kind niemals anvertrauen. Mario, tätowiert und bezopft, zudem als Jugendlicher straffällig, entspricht aufs Schönste dem Macho-Klischee und redet auch gelegentlich so. Doch im Umgang mit den Kindern ist er offenbar aufmerksam und geduldig.

Bei „Erwachsen auf Probe“ bestätigten sich Klischees und Vorurteile nicht, jedenfalls nicht immer. Das war einer der Vorzüge dieser Doku-Reihe. Von Beginn an gewollt – und entsprechend inszeniert – war es, Teenagern Kindererziehung und Haushalt als enorme Anforderungen vor Augen zu führen. Und weil beim Fernsehgucken Identifikation mit den Protagonisten eine große Rolle spielt, ist es eine einleuchtende Idee, Teenager selbst als Mutter oder Vater in den Mittelpunkt zu stellen. Selten wurde im Fernsehen eindringlicher gezeigt, dass es wichtig ist, eine gefestigte, eigenständige Persönlichkeit zu sein, ehe man Kinder in die Welt setzt. Eigentlich müssten alle Familientherapeuten, Kinderschützer, Pädagogen und Psychologen RTL Beifall klatschen.

Die Staatsanwaltschaft Köln urteilte bei der Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen RTL, dass die beteiligten Kinder „keinen erheblichen, also über ein normales, alltägliches Lebensrisiko hinausgehenden Gefahren“ ausgesetzt gewesen seien. Die Jugendmedienschützer waren gespalten: Die zuständige Kommission stellte zwar – weil die Mehrheit nicht zustande kam – keinen Verstoß fest, stufte die Sendung in ihrer Pressemitteilung dennoch als „ethisch und pädagogisch unverantwortlich“ ein. Der Kommissionsvorsitzende Wolf-Dieter Ring kritisierte unter anderem, dass von Eltern und Erziehern grundsätzlich erst dann eingegriffen worden sei, „wenn sich die Kinder in einer gefährlichen oder problematischen Situation befanden“. Wer mit seinen Kindern auf den Spielplatz geht, macht es ähnlich, denn Kinder brauchen auf ihrer Weltentdeckungstour weder Eltern, die gleichgültig sind, noch Eltern, die sie vor allen Problemen bewahren.

Nein, diese Reihe litt nicht an ihrer vermeintlichen Sensationsgier, sondern an ihrem pädagogischen Übereifer. Welchen Sinn sollte es etwa haben, dass fast gleichaltrige Teenager als Leihkinder einzogen? Das pubertierende Quartett rückte mit sichtbarer Vorfreude auf das eigene renitente Verhalten an; die eine legte gleich mal ihre Schlange ins Bett der Leiheltern. Das war der Punkt, an dem die Sache endgültig kippte – vom Mitgefühl mit den Kindern, die einige Tage in fremder Umgebung verbringen mussten, hin zu den von Kindern heimgesuchten „Eltern“.

Was immer wirklich geschah, die Kameras interessierten sich vornehmlich für einen engen Ausschnitt und die Überforderung der jungen Paare. Das Schreien, Streiten, Beleidigtsein und Jammern der 16- bis 19-jährigen Möchtegern-Eltern wollte gar kein Ende nehmen. Wenn sich Kinder wohlfühlten, blieb das eine Randnotiz.

Der Tonfall war meistens schrill, die Kamera zoomte gerne in aufgewühlte Gesichter, die Musik drehte bei jeder Gefühlsregung auf. Schwer auszuhalten das Ganze, auch weil es kaum Durchatmen und kaum Humor gab. Außer den unfreiwilligen Humor: Der Video-Ausschnitt, in dem Lila darauf besteht, dass der kleine Tim seine Hände auf der Decke behält („Zieh nicht an deinem Penis, sonst ist der weg“), was den besser aufgeklärten Dreijährigen ehrlich entrüstet, wird auch bei Youtube gerne angeklickt. Kurz gesagt: „Erwachsen auf Probe“ war pädagogisch wertvoll, aber miese Unterhaltung.

RTL hat eine Durchschnittsquote (17,1 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen) erreicht, die ziemlich genau dem derzeitigen Senderschnitt entspricht. Von den 14- bis 29-jährigen Frauen, die zu dieser Zeit den Fernseher eingeschaltet hatten, sah fast jede Dritte (31,9 Prozent) „Erwachsen auf Probe“. Ob die Reihe etwas im Bewusstsein von Teenagern bewirkt, wird sich kaum nachweisen lassen, aber eine Konsequenz bahnt sich an: Die Jugend- und Familienminister der Länder wollen Dreharbeiten mit unter Dreijährigen über die bestehenden strengen Arbeitsschutzbestimmungen hinaus generell verbieten.

Damit hätten die Kritiker von „Erwachsen auf Probe“ neben ein paar verschreckten Werbekunden doch noch etwas erreicht: erschwerte Produktionsbedingungen für Fernseh- und Kinofilme, auch die, die unbestritten als „pädagogisch wertvoll“ gelten.

„Erwachsen auf Probe“, 20 Uhr 15, RTL

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