Medien : "Es begann mit einer Lüge": Wahrheitskriege

Caroline Fetscher

Anklänge an eine Watergate-Story sollten beim ARD-Beitrag "Es begann mit einer Lüge" hörbar werden: Der Kosovokrieg als Stoff, den es erst noch zu enthüllen gilt. Seine westlichen Protagonisten als Verschwörer und Verdreher von Tatsachen, und demokratische Politiker als Brandschatzer. Knapp zwei Jahre nach der militärischen Intervention der Nato stochern Journalisten und Historiker in der Asche auf dem Balkan, und fahnden noch immer. "Es begann mit einer Lüge", von Jo Angerer und Mathias Werth für den WDR gefertigt und am Donnerstag in der ARD ausgestrahlt, brachte jedoch als Dokumentation nichts wirklich Neues. Zu den Zeugen und Gutachtern gehörte Minister Scharping selbst, dem nochmals seine ungenügende Information über Massaker und über das angeblich als Folterlager verwendete Stadion in Prishtina vorgehalten wurden. Der irritierend grinsende Nato-Sprecher Jamie Shea lobte Scharpings "good job" und war mit sich zufrieden. Dagegen kamen OSZE-Mitarbeiter zu Wort, die versicherten, dass die Nato ihre Informationen verdreht wiedergegeben habe, und wie sie den Entscheidungsträgern erklärt hatten, dass "die Darstellung, die da abgelaufen ist, so nicht gewesen ist". Als eloquenterer Chefkritiker trat der Ex-General Heinz Loquai auf, dessen Publikation zum Krieg, zu Rambouillet und zum Uno-Mandat vor einem halben Jahr Aufsehen erregte. Nochmal sah man die wolkigen Luftaufnahmen. Und alle Kritiker haben auf ihre Weise Recht: Denn alle Akteure - Serben, UCK, Nato - in diesem, wie jedem militärischen Konflikt haben gelogen, beziehungsweise Militärgeheimnisse bewahrt oder versucht, aus wenig Information viel zu machen.

Umso erstaunlicher sind die Einseitigkeit, die Ahistorizität dieser Darstellung, und ihre XY-ungelöst-Ästhetik. Von einem Bürgerkrieg im Kosovo zu sprechen, ist gewiss richtig. Dass er die Folge einer zehn Jahre währenden Apartheid war, der die Unterdrückten jahrelang, aber erfolglos, mit Ibrahim Rugovas friedlichem Widerstand, dem "kosovarischem Ghandismus" begegnet sind, zeigt diese Dokumentation nicht. Er weist auch nicht hin auf die verbürgten Massaker - vor dem Krieg. Nichts erfährt man von den 250 000 Kosovo-Albanern, die Monate vor dem Krieg geflüchtet waren - man konnte sie in den Lagern und Heimen in Albanien besuchen, neben den bei Kriegsausbruch Geflohenen.

Ebensowenig fragt der Film ernsthaft nach den Motiven der "Täter" (Scharping und Co.), während er immerhin auf Verschwörungstheorien verzichtet, denen zufolge, aus linker wie rechter Perspektive, das Pentagon die US-Waffenindustrie mit Aufträgen einzudecken trachtete. Wo hier "Zwischen Legalität und Legitimität" interveniert wurde, wurde weltpolitisch neuer Boden betreten. Bei diesem Versuch demokratischer Staaten, Solidarität zu zeigen, ist vieles aus dem Ruder gelaufen. Die Rhetorik ("Konzentrationslager") und die Methode (Bombardierung, Verzicht auf Bodentruppen), da wäre wesentliches Deutungsterrain. Da sind die Phantasmen zu lesen, die der klaren Beurteilung der Fakten im Wege standen und stehen. Jedes Nato-Land hatte aufgrund seiner eigenen Traumata seinen je eigenen Kosovokrieg. Dass die deutsche Rhetorik die unangemessenste war, verwundert nicht. Und kaum eine Nation hatte sich vor der Eskalation des Konflikts mit der unscheinbaren Provinz Kosovo befasst.

Interessant ist diese Dokumentation als weiteres Symptom im Feld der Phantasmen. Als eine Art nachträglicher Gegenpropaganda klärt sie nicht wirklich auf, sie verzerrt einmal mehr.

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