Es geht eine Träne auf Reisen : Die Schnulzen-Könige

Nichts gegen Herzilein & Schmerzilein als Fernsehfilm, aber warum strengen sich ARD und ZDF nicht an?

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Was das ZDF am Sonntag kann, das kann die ARD am Freitag. Heute gibt es einen Pulswärmer aus der Lilly-Schönauer-Reihe mit Andreas Brucker und Lara Joy Körner. Foto: ARD
Was das ZDF am Sonntag kann, das kann die ARD am Freitag. Heute gibt es einen Pulswärmer aus der Lilly-Schönauer-Reihe mit Andreas...Foto: ARD Degeto/Hubert Mican

Hanns Zischler ist ein Mann mit Stil. Er schrieb Filmgeschichte, gründete einen Verlag für Schöngeistiges, ging unter die Schmetterlingsforscher und spielte zuletzt einen priesterlich schweigsamen Kommissar. Was hat so einer am Sonntagabend im Zweiten verloren? Dort, wo das ZDF gegen die ARD-Krimis auf die romantische Kraft des Trivialen setzt. Pilcher, Lindström & Co führen den vorzugsweise weiblichen Zuschauer an diverse Sehnsuchtsorte. Knapp sechs Millionen Zuschauer versammeln sich in der Mainzer Kuschelecke. Das waren schon Mal mehr, „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ kommen zudem mit neuen Fahndern – da muss sich auch Heike Hempel, Hauptredaktionsleiterin fürs Leichte, etwas einfallen lassen.

Ihr Coup, unterstützt durch eine Werbekampagne für den „Sehnsuchtsort Sonntag“ (siehe links), zielt in Richtung Besetzungsliste. Da findet man plötzlich am Sonntag Namen wie Leslie Malton, Felicitas Woll, Miroslav Nemec, Ulrike Tscharre („Im Angesicht des Verbrechens“) oder eben Hanns Zischler.

Überzeugten die letzten ZDF-Melodramen zumindest durch die Besetzung, ging das Fritz-Wepper-Vehikel „Vater aus heiterem Himmel“ am vergangenen Sonntag als der Versuch, das Komödienspiel der alten Schule mit dem von Großvätern erdachten heutigen Teenageralltag kurzzuschließen, gänzlich daneben. Der Tiefpunkt folgt diesen Sonntag mit „Unsere Farm in Irland“: Es war einmal ein deutscher Arzt, der sich in eine irische Farmerin verliebte. Der trotz Problemüberschuss im 80er-Jahre-Serienstil dahinplätschernde „Familienfilm“ verbreitet eine strenge Duftmarke.

Die Diskussion um Unterhaltungsfilme bei den Öffentlich-Rechtlichen läuft ganz im Stil einer solchen Schmonzette. Kritiker und ein Teil der Zuschauer unterstellen Redakteuren und Machern schlechten Geschmack, und die wiederum berufen sich auf den „Wunsch vieler Menschen, sich einmal pro Woche zu Hause romantisch verabreden zu wollen, Sehnsüchte zu fühlen und teilen zu wollen“, wie es Sonntagsfilm-Koordinatorin Birte Dronsek sagt. Gegen seelischen Balsam in 90-minütigen Dosen ist wenig einzuwenden. Doch versuchen es Krimis wie „Tatort“, „Bella Block“ oder „Nachtschicht“ mit modernen Erzählformen, komplexen Dramaturgien und einer kinoverdächtigen Bildsprache, hat sich im „Unterhaltungssegment“ eine Gleichgültigkeit gegenüber der Machart eingeschlichen, die an Zynismus grenzt. Jeder Krimi holt den Zuschauer heute in den ersten Minuten physisch-sinnlich ab, deutsche Melodramen indes erzählen umständlich, vordergründig, simpel. Das ist auch eine Frage des Drehbuchs. „Jedes Format erfordert Kreativität, Handwerk, Ernsthaftigkeit und Engagement“, meint Autorin Annette Hess, die sowohl Leichtes wie Anspruchsvolles („Weißensee“) schreibt. „Viele dieser seichten Filme sind nicht gut – weil allgemein die fatale Ansicht besteht, das Leichte erfordere nicht so viel Mühe.“

Freitags fährt die ARD dieselbe Strategie wie das ZDF am Sonntag, sie begegnet den ZDF-Krimis mit sogenannten „frauenaffinen“ Stoffen – mit Romanze, Familie, Komödie, Heimatfilm. Da locken Filme mit Titeln wie „Tulpen aus Amsterdam“ vier bis sechs Millionen Zuschauer. Heute brilliert die Feld-Wald-Wiesen-Mär „Verliebt in einen Unbekannten“.

Auch Seichtfilm-Ikone Christine Neubauer, einst respektable Größe im Fernsehfilm, steht bald wieder ins Haus: in „Wie ein Stern am Himmel“ am 12. November kämpft sie um kranke Kinder in einem chilenischen Waisenhaus. „Film gewordene Schlager mit einem Tiefgang von Styroporplatten“, nannte ein Kritiker die Werke der ARD-Tochter Degeto. Besser Schmonzetten als keine Aufträge, klagen Produzenten, Autoren und Regisseure sehr leise. Also lässt die Degeto weiter produzieren: jährlich 40 neue Filme für den Freitag. An die 20 Degeto-Filme werden wöchentlich in den Dritten und auf Eins Festival wiederholt – da haben Fernsehfilmklassiker das Nachsehen.

In den ARD-Sendern, die für den Degeto-Etat aufkommen müssen, ist man nicht immer glücklich über das, was „Schnulzenfabrikant“ Hans-Wolfgang Jurgan produzieren lässt. Ob durch die geschmackssichere BR-Fernsehfilmchefin Bettina Reitz, die als Nachfolgerin von Co-Geschäftsführer Jörn Klamroth so gut wie gesetzt ist, am Freitagabend das Qualitätsbewusstsein fürs Leichte gestärkt wird, ist fraglich. Da wird Geld in wenige Prestigeprojekte fließen – ob da nach der geplanten Kürzung des Degeto-Etats noch genügend Mittel bleiben für die Aufwertung des normalen Programms? Man kennt es vom ZDF. „Natürlich kann man auch im Melodram Figuren vertiefen, überraschender und etwas schneller erzählen, eine etwas andere Musik verwenden und einen moderneren Look anstreben“, sagte Heike Hempel zu ihrem Amtsantritt. Doch die Ex-Chefin der Kreativabteilung „Kleines Fernsehspiel“ musste sich offenbar mit mehr Altlasten herumschlagen als angenommen.

„Lilly Schönauer: Verliebt in einen Unbekannten“, ARD, 20 Uhr 15

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