Medien : „Es gibt die Kopie der Kopie der Kopie“

Markus Peichl über die besten Magazine 2004 – und „Spiegel.de“, die Wildecker Herzbuben der „Lead Awards“

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Die Jury der Lead Awards, deren Vorsitzender Sie sind, hat gestern Abend „Geo“ zum Lead Magazin des Jahres gewählt. Wieso?

Hier ist sich ein Heft treu geblieben, ist aber trotzdem innovativ. Es gibt nur noch sehr wenige Blätter im deutschen Zeitschriftenmarkt, bei denen Foto und Text, Inhalt und Form zu einer Einheit verschmelzen, wodurch etwas Neues, Eigenes entsteht. „Geo“ ist eine Zeitschrift im klassischen, blattmacherischen Sinn. Und: Sie setzt abstrakte Themen visuell herausragend um. „Geo“ hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr gut entwickelt.

Und das, obwohl „Geo“ seit zehn Jahren denselben Chefredakteur hat.

Da sieht man, es gibt noch Chefredakteure, die sich den Anforderungen der Zeit stellen und gerecht werden. Ein weiterer Grund, warum „Geo“ Lead Magazin des Jahres ist, ist seine Kontinuität. In jeder Ausgabe deckt „Geo“ dieselben Themenbereiche ab, bietet in jedem einzelnen Bereich aber eine hohe, abwechslungsreiche Kreativität. Der Leser kann sich auf „Geo“ immer verlassen, es wird ihm aber nie langweilig. Anders als etwa bei „Vogue“: Jedes Heft ist nach demselben Muster gestrickt, und leider sieht jedes Heft auch gleich aus.

„Architectural Digest“, Lead Magazin 2003, steht nicht an der Spitze. Warum?

„AD“ hat einen unverändert hohen Qualitätsstandard. Aber eine Jury kann nicht jedes Jahr dasselbe Blatt auszeichnen.

„Spiegel Online“ steht ja auch Jahr für Jahr auf Platz 1 der Online-Magazine.

Im Online-Bereich gibt es eine eindeutige Stagnation. Wenn Sie noch so lange suchen, Sie finden nichts Besseres. „Spiegel Online“ ist beim Lead Award das, was die Wildecker Herzbuben beim „Echo“ sind. Die kriegen auch jedes Jahr den Preis im Bereich Volksmusik, und bei uns wird „Spiegel Online“ eben zum sechsten Mal zum News-Online-Magazin des Jahres gekürt.

Die opulenten Neugründungen 2003 – „Zoo“, „Deutsch“, „Achtung“ – zeigten fast nur Fotos. Was war der Trend 2004?

Die neuen Magazine sind inhaltsgetrieben, haben einen journalistischen Ansatz.

Sie sprechen von „Dummy“, „Neon“, „Whynot“ und „Monopol“. Sie alle bekamen gestern Preise, „Cicero“ nicht. Was haben die, was „Cicero“ nicht hat?

Sie haben das größere Wohlwollen einer Jury, die gelegentlich auch politische Aspekte im Hinterkopf einfließen lässt.

Das hört sich an, als hätte diese Diskussion besonders hohe Wellen geschlagen.

Das kann man so sagen. Ich bin zwar Vorsitzender dieser Jury und vertrete die Ergebnisse ihrer Arbeit, aber ich gebe gern zu, dass ich mich persönlich für eine Nominierung von „Cicero“ eingesetzt habe. Ich bin der Meinung, dass „Cicero“ ein Heft ist, das einen sehr wichtigen Impuls im deutschen Markt setzt. Es hat ein Konzept, das eigenständig ist und nicht wie viele andere aus dem Ausland kopiert wurde.

Aber?

Die weit überwiegende Meinung der Jury war, dass „Cicero“ sowohl inhaltlich wie gestalterisch zu bieder, zu spießig und zu zurückgewandt ist. Diesem Urteil der Jury muss sich auch ein Vorsitzender beugen. Ich gebe zu, es ist ja auch was dran.

Kein Mensch kennt das Magazin „M-Publication“. Es wurde zum „Visual Leader“ gekürt. Wie kommt’s?

Es ist ein Feuerwerk der Ästhetik, eröffnet neue Gestaltungswelten, erzählt abwechslungsreich Geschichten, geht mit Abstand am virtuosesten mit Illustrationen um …

… und keiner liest’s …

… vielleicht lesen’s jetzt mehr. Das ist ja unsere Aufgabe: Auf Zeitschriften hinzuweisen, die wirklich Neues bieten.

„Qvest“, „Visual Leader 2003“, haben Sie ähnlich gelobt. Kurz danach kam das Aus.

„Qvest“ hat ja einen neuen Investor gefunden. Außerdem: Kreativität ist immer ein Risiko. Wer sich vor der eigenen Courage zu Tode fürchtet, wird nie was bewegen.

Welcher der großen Zeitschriftenverlage ist Ihrer Ansicht nach der Einfallsloseste?

Da nimmt sich keiner was. Die Innovationskraft steckt im Moment eindeutig außerhalb der Großverlage. In den nächsten Jahren wird das in den Großverlagen ein Nachdenken auslösen. Darüber, ob man nicht inhaltliche, journalistisch ausgerichtete Blätter entwickeln sollte. Dann wird man sehen, ob sie überhaupt noch dazu in der Lage sind. Es wird nur noch gespart. Darf ich ausführen, wozu das führt?

Bitte!

Durch die Juryarbeit bekommt man ja einen sehr guten Überblick über die aktuelle Zeitschriftenlandschaft. Die Erkenntnisse dieses Jahres sind folgende: Es werden mehr Magazine auf den Markt geschmissen, als der Markt braucht. Die Überflutung hält an. Es gibt die Kopie von der Kopie von der Kopie. Kommt ein Wissensheft, kommen gleich vier weitere hinterher. Dann diese Ableger-Manie! „Brigitte“, „Brigitte Young Miss“, „Brigitte Woman“, „Brigitte Balance“, „Brigitte Kultur“ – da blickt doch kein Mensch mehr durch! Da werden dieselben Fehler gemacht wie in der Musikindustrie: die Archive bis zum Letzten ausquetschen und einer Boy- Group 20 Imitationen folgen lassen. Eine Zeit lang kann man Vorteile durch Preissenkungen erzielen. Das ruiniert aber den Markt. Dann: Diese heillose Vermischung von Redaktion und Werbung. Da druckt „Max“ seitenweise Fotos, am Ende steht der Hinweis, dass die Bilderstrecke mit einer Olympia E1 fotografiert wurde. Direkt daneben die Anzeige für die Olympia E1. Das wurde 2004 so schamlos getrieben wie noch nie, es wird nicht einmal kaschiert! Oder der neue BMW. Sie glauben gar nicht, auf wie vielen Fotos in Zeitschriften dieser BMW rumfährt! Schließlich: Die Reportage ist so gut wie tot! Es gibt kaum noch klassische Reportagestrecken.

Warum?

Teure Reportagen leisten sich die Zeitschriften kaum noch. Die Folge: Ein heilloser Boom der Porträtfotografie. Überall nur noch Gesichter: von Menschen, die lachen, Menschen, die weinen, beim Fernsehschauen, beim Orgasmus. Und was stellt man bei dieser Schwemme an Porträts fest? Dass ein Mensch beim Orgasmus auch nicht viel anders ausschaut als ein Mensch beim Fernsehgucken. Diese Erkenntnis törnt garantiert jeden Leser ab.

Geht’s Ihnen jetzt besser?

Ja.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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