Medien : Es gibt kein Gestern und kein Morgen

Uwe Janson versetzt Bertolt Brechts „Baal“ in die Gegenwart. Ein Drehbericht

Alva Gehrmann

Der Pförtner am Tor der Ziegelstraße 23 ist den Trubel schon gewohnt. Etwa vierzig Leute wuseln über das ehemalige Telekom-Gelände in Berlin-Mitte, auf dem auch mal das WMF war. Neben der Filmcrew tummeln sich am Donnerstagnachmittag etliche Punks, Freaks und Normalos – sie warten auf ihren Einsatz. Gleich soll eine Clubszene gedreht werden, und sie sind die Komparsen in der Theaterverfilmung von Bertolt Brechts „Baal“.

Brecht und Clubszene? In dieser Woche sind die Dreharbeiten für ein ungewöhnliches Projekt zu Ende gegangen, das im Juli in Berlin und Umgebung gedreht wurde. Regisseur Uwe Janson („Für immer verloren“, „Nachts im Park“) versetzt Brechts erstes Stück „Baal“ im Auftrag von ZDF-Theaterkanal und Arte in die heutige Zeit.

Matthias Schweighöfer („Soloalbum“) spielt die Titelrolle. Baal ist ein junger Künstler, der von der Gesellschaft als Genie gehandelt wird, sich aber nicht vom Kunst- und Wirtschaftsbetrieb vereinnahmen lassen will. Regisseur Uwe Janson hat aus dem von Brecht als Lyriker angelegten Protagonisten einen Musiker – einen Punk-Rocker mit eigener Band – gemacht. Am Text selbst aber, das war die Bedingung von Brechts Erben, durfte nichts verändert werden.

„In dem Alter mal einen Baal zu spielen, das ist schon etwas Besonderes“, sagt der 22-jährige Schweighöfer, dessen Eltern beide Schauspieler sind. Damit er einen glaubhaften Punk-Rocker abgibt, hat er sich für die Rolle extra Haare anschweißen lassen, die an diesem Tag zu einem Zopf zusammengebunden sind. Er trägt eine schwarze Jacke, darunter ein schmuddeliges T-Shirt. Der Baal im Hier und Jetzt sei im Prinzip eine Art Kurt Cobain. Auch der ehemalige Sänger von „Nirvana“ hat sich gegen das Business gewehrt und ist dann, als er sich doch darauf eingelassen hat, daran zu Grunde gegangen. So wie Brechts Protagonist.

„Baal ist jemand, der sein Leben nicht reflektiert, er lebt im Hier und Jetzt und denkt nicht darüber nach, was Gestern und Morgen ist“, sagt Janson. Ein rebellischer, aber auch sanftmütiger Künstler. Nicht so angepasst. Moralische Werte sind Baal gleichgültig. Er ignoriert sie einfach – und mit ihnen die spießige Gesellschaft.

Über zwei Wochen hat der Regisseur mit den Schauspielern geprobt, um gemeinsam eine Haltung hinter den Texten zu finden. Es sei eine Gratwanderung, die Theatersprache in den Film zu bringen, ohne diese zu brechen, sagt er. „Als es dann ans Set ging, haben wir sofort angefangen zu drehen – aus der Improvisation heraus.“ Da Janson den Film mit DV, also Digitalem Video, dreht, kann er unbegrenzt aufnehmen. Denn diese Videoaufnahmen sind, anders als Filmmaterial, nicht so teuer.

So wurden auch immer wieder Improvisationen mitgedreht, Momente, in denen die Schauspieler, Matthias Schweighöfer und Pasquale Aleardi („Für immer verloren“), wild tanzen, singen oder akrobatische Einlagen darbieten. „Dadurch versuchen wir, die Schwere des Themas zu brechen, eine Leichtigkeit mit einzubringen“, sagt Producer Christian Rohde von teamWorx.

Auch für die Berliner Firma, die zuvor Filme wie „Der Tanz mit dem Teufel“ und „Zwei Tage Hoffnung“ realisiert hat, ist die Theaterverfilmung außergewöhnlich. Ebenso wie das Budget: Es handelt sich um eine Low-Budget-Produktion. 500 000 Euro sind nicht viel. Schauspieler, Kameramann und Regisseur verzichten zum Beispiel komplett auf ihre Gage. Lediglich die Crew bekommt ihr Honorar. Und der Fahrer am Set. Als ein Taxi auf den Hof fährt, brüllt er: „Wer hat hier ein Taxi bestellt? Wir haben doch kein Geld.“

Durch die Besetzung mit Jungschauspielern und das Versetzen in die heutige Zeit will man ein junges Publikum für Theaterstoffe interessieren. Am 4. Dezember soll „Baal“ auf Arte zu sehen sein, später auch im Theaterkanal des ZDF. Ideen für weitere Theaterverfilmungen gebe es schon, sagt Christian Rohde von teamWorx, es gilt aber erst mal abzuwarten, wie der Film bei den Zuschauern ankommt.

Nach der kurzen Drehpause geht die Arbeit am Set weiter. Lediglich die Komparsen müssen noch warten, sie lesen derweil „Bild“. Der Pförtner wacht immer noch über den Eingangsbereich. Was genau da gerade gedreht wird, weiß er nicht. Nur, dass das Filmteam im Zeitplan bleiben sollte. Ab 18 Uhr komme schon die nächste Produktionsfirma – dann werde hier für „Wolffs Revier“ gedreht.

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