Medien : Es gilt das gesprochene Wort

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Von Ulrike Simon

Kanzler Schröder scheint den von ihm überlieferten Worten treu zu bleiben: Was die Medienwirkung angehe, seien nur drei Dinge wichtig: „Bild“, „BamS“ und Glotze.

Das wird auch für den anstehenden, in seiner Ausgestaltung und Intensität sicherlich sehr ungewöhnlichen Wahlkampf gelten. Ungewöhnlich zum Beispiel deshalb, weil erstmals die beiden Kanzlerkandidaten von CDU/CSU und SPD in einem so genannten Fernseh-Duell aufeinander treffen werden. Die organisatorischen Fragen, die sich um dieses Duell ranken, sind weitgehend beantwortet: Es wird in zwei Teilen veranstaltet, das erste Gespräch übertragen RTL und Sat 1, das zweite ARD und ZDF.

Die gedruckten Medien wollen da nicht zurückstehen. Auch sie würden gern ein Doppelinterview führen und drängen auf einen Termin vor dem Fernseh-Duell. Die Frage, ob es zu einem solchen „Print-Duell“ kommen wird – und wenn ja, welche Zeitung, welches Magazin den Zuschlag erhält, ist noch unbeantwortet.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass die jeweiligen Chefredakteure der linksliberalen „Süddeutschen Zeitung“ und der konservativen „Welt“ am liebsten den Schulterschluss üben würden. Sie haben Amtsinhaber Schröder und seinem Herausforderer Stoiber angeboten, ein Interview zu führen, das, prominent platziert, am selben Erscheinungstag in beiden Zeitungen abgedruckt werden könnte.

Sehr viel früher hatte der „Spiegel“ ein entsprechendes Angebot unterbreitet. Chefredakteur Stefan Aust und Gabor Steingart, Chef des Hauptstadt-Büros, würden das Interview gern führen und dafür viel Platz im Magazin freiräumen.

Die noch ungelöste Frage ist die der Autorisierung. Der „Spiegel“ hat es einst eingeführt, die anderen zogen nach: Mittlerweile ist es üblich, dass kein Gespräch erscheint, das nicht vor Abdruck dem Interviewten noch einmal vorgelegt wurde. Der darf dann noch hier etwas hinzufügen und dort wieder etwas herausnehmen, so lange, bis alle Beteiligten mit dem Ergebnis leben können. Zwischen Interviewer und Interviewtem geht es dann meist zu wie auf dem Basar. Es wird gefeilscht. Normalerweise sind die Interviewten froh, wenn sie ihre Aussagen noch einmal in schriftlicher Form nachlesen, glätten, präzisieren beziehungsweise unüberlegt Ausgeplaudertes zurückziehen können.

Dem Kanzler scheint das nicht zu passen. Schröder setzt auf die Macht seines gesprochenen Wortes und will vermeiden, dass Stoibers Berater im Nachhinein ein paar kraftvolle Formulierungen einfügen, die Stoiber im Gespräch mangels Schlagfertigkeit nicht eingefallen sind. Und sollte er darauf bestehen, Sätze nachzuschieben, müsste Schröder wieder die Gelegenheit bekommen, eine Reaktion nachzutragen. Der stellvertretende Regierungssprecher Bela Anda sagt deshalb: „Wir wollen vermeiden, dass das Print-Duell eine Redigierschlacht der Sekundanten wird“. Und bevor es kein schlüssiges Konzept gebe, sagt Anda, stelle sich auch nicht die Frage, mit welchen Medien man bereit wäre, ein Print-Duell zu veranstalten.

„Bild“ und „Bild am Sonntag“ haben nun einen Vorschlag, wie dieses Problem zu lösen wäre. Die beiden Springer-Boulevardblätter waren, wie Anda bestätigt, die ersten, die Schröder und Stoiber zum Doppel-Interview baten – vor dem „Spiegel“, und vor „Welt“ und „SZ“ sowieso. Am Dienstag wurde das Konzept an Stoiber und Schröder verschickt: „Bild“-Chef Kai Diekmann und „Bild am Sonntag“-Chef Claus Strunz würden das Interview führen, als Ort schlagen sie die Bibliothek im Berliner Springer-Hochhaus vor. Erscheinen würde das Gespräch als mehrtägige Serie, beginnend in „Bild am Sonntag“. Jeder Erscheinungstag wäre einem Themenkomplex gewidmet. In einer Folge würde es um Innere Sicherheit gehen, in der anderen um Familienpolitik, dann wieder würde es um Arbeitslosigkeit und tags drauf um gesellschaftliche Werte gehen. Um keinen zu benachteiligen, aber auch, um Stoibers Redefluss zu beschränken, schlagen die beiden Springer-Blätter vor, die Antworten auf sechzig Sekunden zu begrenzen. Man könnte etwa eine Schachuhr in die Mitte stellen, sagt Politikchef Sven Gösmann.

Das Wichtigste an dem Angebot von „Bild“ und „BamS“ ist die Tatsache, den puren O-Ton abdrucken zu wollen. Das mag für den prägnant formulierenden Medienmann Schröder kein Problem sein. Wohl aber für Stoiber. Aber er hat ja Michael H. Spreng als Berater. Der ehemalige „BamS“- Chef wird schon wissen, welche knapp formulierten Sätze er Stoiber mit auf den Weg geben muss. Bisher sagte Spreng immer, man sei grundsätzlich bereit zu einem Print-Duell.

Es erscheint wahrscheinlich, dass „Bild“ und „BamS“ den Zuschlag erhalten werden. Es geht um die Massenwirkung. Bei „Welt“ und „SZ“ wäre ein kontroverses Gespräch zu erwarten, beim „Spiegel“ der Austausch von Sachargumenten. Bei „Bild“ geht es darum, die Meinung von über elf Millionen Lesern zu bilden. Und „Bild“ und „BamS“, die für das Print-Duell natürlich entsprechend werben würden, könnten sich freuen, fünf bis sechs Tage lang hintereinander von allen Medien rauf und runter zitiert zu werden.

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