Medien : „Es ist nicht wichtig, was, sondern wie sie es sagen“

Medienwissenschaftler Marcus Maurer über die Auswirkung des TV-Duells auf den Wahlausgang: Das Entscheidende findet danach statt

-

Wie schon im Wahlkampf 2002 werden Sie auch diesmal das Fernsehduell der Kanzlerkandidaten analysieren. Wie gehen Sie bei Ihrer Untersuchung vor?

Wir haben über eine Zeitungsanzeige wieder Probanden gesucht und so ausgewählt, dass sie den Querschnitt der Bevölkerung darstellen. Alle Probanden bekommen von uns ein elektronisches Gerät in die Hand. Mit diesem siebenstufigen Drehregler können sie während des Duells kontinuierlich ihren Eindruck wiedergeben. So entstand auch beim letzten Mal ein Gesamteindruck in Form einer Kurve über die 75 Minuten des Duells, anhand derer man sah, welche Aussagen die Probanden gut fanden und was Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber besser nicht gesagt hätten.

Was werden Sie diesmal anders machen?

Wir arbeiten diesmal mit einer zweiten Forschergruppe zusammen, die dieselbe Untersuchung in Jena veranstaltet. Ihre Ergebnisse und unsere aus Mainz werden wir dann für einen Ost-West-Vergleich nutzen.

Stimmen Behauptungen, wonach nicht die Duelle, sondern die Auswertung in den Medien entscheidend dafür ist, wer letztlich als Sieger dasteht?

Wir haben 2002 die Probanden direkt nach dem Duell befragt, wer ihrer Ansicht nach gewonnen hat. Die meisten sahen Schröder als Gewinner. Nach Tagen war der Vorsprung wesentlich deutlicher, weil viele Ihre Ansicht der Medienberichterstattung angepasst hatten.

Woher kommt’s?

Das hat mehrere Gründe. Großen Einfluss hatte die Fernsehberichterstattung direkt im Anschluss an das Duell, und hier vor allem die sofort veröffentlichten Umfrageergebnisse. Danach fand objektiv die Mehrheit der Bevölkerung Schröder sympathischer und sah ihn als Gewinner. Natürlich wurden diese Umfrageergebnisse in den Tagen danach überall umfassend zitiert, die Medien haben sich daran orientiert, so dass sich der Eindruck verfestigt hat.

Ist es nicht so, dass die CDU- und SPD-Anhänger durch das Duell lediglich in ihrer Ansicht bestärkt werden, dass ihr jeweiliger Kandidat der Bessere ist?

Größtenteils ja. Aber wir hatten auch viele Probanden, die unabhängig von ihrer Parteibindung während des Duells ihre Meinung über die Kandidaten geändert haben.

2002 gab es noch nie so viele Wähler, die bis zuletzt unentschlossen waren. Wird diese Gruppe durch ein Fernsehduell besonders stark beeinflusst? Und zwar so sehr, dass man sagen kann: Das Duell entscheidet die Wahl?

Wer zunächst keine Meinung hat, bekommt durch ein Duell die Möglichkeit, sich eine zu bilden. Ein Duell beeinflusst den Wahlausgang sicherlich mit wenigen, aber doch ein paar Prozent – und die können bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen wie 2002 entscheidend sein.

Mobilisiert das Duell die Zuschauer dazu, wählen zu gehen?

Darauf kann ich nicht seriös antworten. Denn auf unsere Zeitungsanzeige haben sich natürlich vor allem solche Leute gemeldet, die sowieso politisch interessiert sind und uns auch vorher gesagt haben, dass sie wählen gehen wollen. Unter den Fernsehzuschauern, von denen 2002 insgesamt 20 Millionen mindestens eines der beiden Duelle gesehen haben, sind natürlich auch viele, die sich sonst wenig für Politik interessieren. Ein Fernsehduell ist sicherlich die beste Möglichkeit, Unentschlossene und Wahlmuffel zu erreichen. Überschätzen sollte man dieses Potenzial jedoch nicht, weil viele davon am Ende doch nicht wählen gehen.

Schröder bei Christiansen, Merkel bei Illner, die Elefantenrunde beim ZDF, Stoiber und Lafontaine im „Spiegel“. Verblasst da die Wirkung des eigentlichen Duells Merkel – Schröder, bevor es gesendet wird?

Sie dürfen nicht vergessen, dass ein großer Teil der Bevölkerung die bisherigen Sendungen eben nicht gesehen hat, aber am 4. September einschalten und die Argumente dann tatsächlich zum ersten Mal hören wird.

Wäre es möglich, dass sich diese Form des Fernsehwahlkampfs irgendwann erübrigen wird, weil das Format die Zuschauer genauso langweilt wie die x-te Staffel von, sagen wir, „Deutschland sucht den Superstar“?

Bei den Elefantenrunden in den 70er und 80er Jahren sind die Einschaltquoten auch sukzessive zurückgegangen, bis man sie 1987 abgeschafft hat, weil man merkte, die sind so langweilig – die wollen immer weniger sehen. Momentan ist die Aufregung um die Duelle ja noch sehr groß, auch in den Medien. Sicherlich wird das abnehmen.

Worauf achten die Zuschauer denn nun mehr, was hat den größeren Einfluss: das Aussehen der Krawatte, welcher Moderator welche Fragen stellt oder das, was die Politiker sagen?

Es ist nicht so, dass die Zuschauer durch ein Duell etwas über das Wahlprogramm der jeweiligen Parteien erfahren. Ein Duell fördert per se keine tief schürfende Diskussion. Dennoch sind den Zuschauern die Inhalte wichtiger als Äußerlichkeiten. Allerdings muss man differenzieren: Es ist weniger wichtig, was die Kandidaten sagen. Wichtig ist, wie sie es sagen. Wir haben festgestellt, dass sich die Zuschauer am besten durch Allgemeinplätze überzeugen lassen. Etwa durch Phrasen wie: „Nicht nur Reiche sollen Abitur machen dürfen, sondern auch Menschen aus armen Verhältnissen müssen die Chance haben.“ So ein Satz kommt an, denn dafür ist im Grunde jeder. Oder ein Nullsatz wie: „Man muss die Balance halten aus den Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer.“ Das ist zwar keine Aussage, denn kein Mensch weiß, was das konkret bedeuten soll. Aber so ein Satz verärgert niemanden. Die meisten Menschen sind entweder Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, jeder von ihnen freut sich über diese Aussage, weil er glaubt, seine Interessen werden berücksichtigt. Ehrlich gesagt hätte ich erwartet, dass die Leute besser in der Lage sind, einen Allgemeinplatz als solchen zu entlarven und zu erkennen, dass der Redner dieses Mittel nur nutzt, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Sie haben herausgefunden, dass Schröder während des Duells 2002 bei Jüngeren und Frauen besser ankam, Stoiber bei Älteren und Männern. Wie schätzen Sie es diesmal ein, beim Duell Mann gegen Frau?

Genau das ist die wohl spannendste Frage. Wir haben keine Ahnung. Es hat noch nie eine Frau bei so einer Debatte teilgenommen, auch nicht in den USA. Tatsache ist, dass die Erwartungen an Angela Merkel ähnlich wie bei Stoiber 2002 niedrig sind. Übersteht Merkel das Duell halbwegs auf Augenhöhe mit Schröder, hat sie bereits einen Erfolg erzielt. Schröder hat schon allein von seinem Naturell her den Vorteil, durch Allgemeinplätze, aber auch Emotionen Anhänger der anderen Parteien anzusprechen. Stoiber hingegen polarisierte 2002, weil seine Aussagen konkret waren. Dadurch hat er die Anhänger von Rot-Grün permanent verärgert. Die waren während der ganzen 75 Minuten praktisch nie auf seiner Seite.

Sie haben auch herausgefunden, dass die Berichterstattung über das Duell jene über Sachthemen für mehrere Tage in den Hintergrund gerückt hat.

Die Medien haben noch stärker als vor dem Duell personenorientiert berichtet. Das nutzt natürlich jener Partei, die nicht über Sachthemen und aktuelle Probleme diskutieren möchte. Insofern wäre es ratsam, wenn sich die Medien in der Nachberichterstattung zum Duell diesmal weniger um das Aussehen oder die Sympathiewerte der Kandidaten kümmern, sondern prüfen würden, was denn tatsächlich gesagt wurde. Und ob die Fakten überhaupt stimmen. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass Schröder beim Duell 2002 die Lage auf dem Arbeitsmarkt so ein bisschen nebulös zu seinen Gunsten interpretiert hat. Das hat dazu geführt, dass unsere Probanden zu großen Teilen ihre Meinung über die Lage am Arbeitsmarkt verbessert haben. Die Fakten sahen anders aus.

Schadet das Duell den kleinen Parteien, die nicht beteiligt sind, weil es den Anschein hat, es gehe nur um die Entscheidung SPD oder CDU?

Wir haben 2002 unsere Probanden gefragt, wie sicher sie sind, dass sie die Partei, die sie wählen wollen, auch tatsächlich wählen werden. Nach dem Duell haben wir das erneut gefragt und festgestellt: Die Anhänger von CDU und SPD waren sich sicherer geworden. Die Anhänger der kleineren Parteien hingegen waren zumindest unsicherer geworden.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

Marcus Maurer , 35,

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Uni Mainz. Mit Carsten Reinemann untersuchte er 2002 die Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben